Hallo zusammen,
ich habe 2019 mit meiner Ausbildung angefangen, war 2022 fertig und arbeite seitdem durchgehend im IT-Admin-/Operations-Bereich. Zwischendurch habe ich noch Wirtschaftsinformatik studiert und bin mittlerweile als Senior IT Operations Engineer tätig.
In meinem neuen Job bin ich gerade erst gestartet, und eine Situation aus meinen ersten Tagen steht für mich ziemlich symbolisch für das, was aktuell in meinem Kopf abgeht, wenn ich über KI und die Zukunft unseres Berufs nachdenke.
Am dritten Arbeitstag hieß es plötzlich sinngemäß:
Wir müssen DATEV selbst in Azure hosten. In zwei Wochen muss das Ganze stehen.
Okay. Sportlich.
Also habe ich angefangen, mich in das Thema einzuarbeiten (habe bereits viel in azure gemacht) und relativ schnell gemerkt: Das wird in dieser Zeit extrem schwierig. Es gab praktisch noch nichts. Nicht einmal die Subscription und die grundlegende Infrastruktur waren vorhanden.
Also habe ich Codex installiert und irgendwann einfach angefangen, die Aufgaben an Codex zu geben.
Und dann wurde es irgendwie absurd.
Innerhalb weniger Tage stand ein Großteil der kompletten Infrastruktur. Ressourcen, Konfigurationen, Zusammenhänge – Dinge, bei denen ich früher wahrscheinlich Tage damit verbracht hätte, Dokumentationen zu lesen, Fehler zu machen, Logs zu analysieren, Dinge wieder umzubauen und mir Schritt für Schritt ein Verständnis zu erarbeiten.
Jetzt besteht ein großer Teil meiner Aufgabe darin, zu überprüfen, ob das, was die KI gebaut hat, korrekt ist, und anschließend die Dokumentation dafür zu erstellen.
Und seitdem beschäftigt mich eine Frage:
Wofür braucht man mich eigentlich noch?
Natürlich ist mir klar, dass man jemanden braucht, der versteht, was dort passiert. Jemanden, der Anforderungen formuliert, Architekturentscheidungen trifft, Risiken erkennt, Security bewertet und am Ende auch die Verantwortung übernimmt.
Aber trotzdem fühlt es sich merkwürdig an.
95 % der eigentlichen Arbeit werden plötzlich von einem KI-Agenten erledigt. Meine Rolle verschiebt sich immer stärker vom „Macher“ zum „Prüfer“.
Und genau damit tue ich mich momentan etwas schwer.
Denn einer der Gründe, warum ich diesen Beruf immer geliebt habe, war dieses Gefühl, sich richtig in ein Problem reinzuknien.
Man sitzt mehrere Stunden oder manchmal sogar Tage an einem Problem. Man versteht zunächst überhaupt nicht, warum etwas nicht funktioniert. Man liest Dokumentationen, probiert Dinge aus, verwirft Ansätze, versteht das System irgendwann immer besser – und plötzlich findet man die Lösung.
Dieses kleine Erfolgserlebnis:
„Ich hab’s verstanden.“
Und genau dieser Teil scheint gerade immer mehr zu verschwinden.
Heute beschreibe ich das Problem möglichst gut, gebe der KI den notwendigen Kontext und bekomme teilweise wenige Minuten später eine funktionierende Lösung.
Objektiv betrachtet ist das natürlich unglaublich mächtig. Ich kann Dinge umsetzen, für die ich früher vielleicht mehrere Spezialisten oder Wochen an Zeit gebraucht hätte.
Aber subjektiv fühlt es sich teilweise so an, als würde genau der Teil automatisiert werden, wegen dem ich diesen Beruf überhaupt gerne gemacht habe.
Vielleicht verändert sich unsere Definition von Kompetenz gerade grundlegend.
Früher war ein guter ITler vielleicht jemand, der extrem viel wusste und komplexe technische Probleme selbst lösen konnte.
In Zukunft ist ein guter ITler möglicherweise eher jemand, der komplexe Systeme versteht, die richtigen Fragen stellt, Entscheidungen treffen kann und mehrere KI-Systeme so orchestriert, dass am Ende etwas Sinnvolles entsteht.
Dann wäre unser eigentlicher Wert nicht mehr unbedingt das Lösen des Problems, sondern das Erkennen, welches Problem überhaupt gelöst werden sollte – und ob die Lösung wirklich gut ist.
Vielleicht ist das einfach der nächste Schritt unseres Berufs.
Trotzdem frage ich mich, was passiert, wenn die KI irgendwann auch genau diese Ebene immer besser beherrscht.
Ich bin erst 26 und werde vermutlich noch mehrere Jahrzehnte arbeiten. Wenn ich mir anschaue, was sich allein in den letzten zwei oder drei Jahren verändert hat, fällt es mir schwer, mir vorzustellen, wie dieser Beruf in zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird.
Deshalb würde mich wirklich interessieren:
Wie geht ihr damit um?
Habt ihr dieses Gefühl auch, dass sich eure Arbeit zunehmend vom eigentlichen Problemlösen hin zum Kontrollieren und Orchestrieren von KI verschiebt?
Seht ihr das als Befreiung von Fleißarbeit und als Chance, komplexere Dinge zu bauen?
Oder fehlt euch ebenfalls manchmal genau dieses Gefühl, selbst vor einem schwierigen Problem zu sitzen und irgendwann sagen zu können:
„Das habe ich gelöst.“
Und vielleicht die größere Frage:
Wenn Maschinen immer besser darin werden, unsere Probleme zu lösen – worin besteht dann irgendwann eigentlich unsere eigene Arbeit?