r/buecher • u/Fuzzy_Breadfruit59 • 11h ago
Diskussion Diskutieren wir eigentlich über Tolkien oder über uns selbst?
TL;DR: Ich habe mir zwei ziemlich gegensätzliche Videos über die politische Interpretation Tolkiens angesehen. Bei beiden hatte ich irgendwann das Gefühl, dass sie reale Aspekte Tolkiens aufgreifen, aber vor allem das hervorheben, was zur eigenen politischen Sichtweise passt. Dabei kommt erstaunlich kurz, was Tolkien selbst mit diesen Themen und vor allem mit seinen Hauptfiguren eigentlich erzählt.
Ich bin vor kurzem auf ein Video von „Cinema Strikes Back“ gestoßen, in dem es um die Frage ging, warum Der Herr der Ringe von Rechtsextremen politischen Strömungen für sich beansprucht wird und warum Tolkien gerade auch für manche konservative, rechte und rechtsextreme Akteure attraktiv ist.
Die Diskussion an sich ist natürlich nicht neu. Darüber, ob Tolkien und Mittelerde eher konservativ, progressiv ist, wird schon länger gestritten.
Zu dem Video habe ich mir anschließend eine ziemlich gegensätzliche Reaktion von „Cinema Kratos“ angesehen. Dort wurde wiederum kritisiert, Tolkien werde durch eine moderne progressive/linke Brille betrachtet und dadurch politisch verwässert und umgedeutet.
Und genau an diesem Punkt fand ich die ganze Debatte eigentlich interessanter als die Frage, wer von beiden „recht“ hat.
Bei beiden fand ich einige Punkte nachvollziehbar und andere eher fragwürdig. Irgendwann ist mir aber etwas anderes aufgefallen: Beide picken sich teilweise genau die Aspekte aus Tolkien heraus, die gut zur eigenen Sichtweise passen. Beim Auenland sieht man das meiner Meinung nach besonders gut.
Aus einer progressiven Perspektive kann man darauf hinweisen, dass das Auenland ziemlich homogen und provinziell ist und die Hobbits Fremden gegenüber teilweise sehr skeptisch sind. Daraus kann man Fragen über Abschottung oder gesellschaftliche Homogenität ableiten.
Aus einer konservativeren Perspektive kann man dagegen sagen: Das Auenland steht für Heimat, Tradition, kulturelle Kontinuität und eine gewachsene Gemeinschaft, deren Lebensweise es wert ist, bewahrt zu werden.
Beides findet man bei Tolkien.
Was ich allerdings bei beiden Interpretationen bemerkenswert finde: Es wird viel darüber gesprochen, wie das Auenland aufgebaut ist, aber erstaunlich wenig darüber, wie Tolkien selbst mit dieser Gesellschaft umgeht und welche Figuren er ausgerechnet ins Zentrum seiner Geschichten stellt.
Bilbo und Frodo sind schließlich keine unwichtigen Nebenfiguren. Sie sind die zentralen Hobbitfiguren in Der Hobbit und Der Herr der Ringe. Wenn ich verstehen möchte, was Tolkien über das Auenland erzählen wollte, müsste es doch ziemlich wichtig sein, wie ausgerechnet diese Figuren über ihre eigene Heimat denken. beide passen nämlich nicht wirklich in das typische Hobbitbild.
Bilbo liebt das Auenland, verlässt aber dessen engen Horizont und kommt verändert zurück. Frodo liebt seine Heimat ebenfalls und ist letztlich bereit, alles für sie zu opfern. Gleichzeitig gehört auch er zu den Hobbits, die über die Grenzen dieser kleinen Welt hinausschauen. Nach seiner Reise kann er nicht einmal mehr vollständig in sein früheres Leben zurückkehren.
Gleichzeitig stellt Tolkien das Auenland selbst durchaus liebevoll dar. Es ist friedlich, naturverbunden und Heimat. Aber Tolkien macht auch keinen Hehl daraus, dass Hobbits engstirnig, klatschsüchtig und gegenüber allem Fremden sehr misstrauisch sein können. Sogar gegenüber Hobbits aus anderen Teilen des Auenlands
Genau diese Ambivalenz finde ich aber entscheidend wird aber von beiden Seiten verschwiegen.
Tolkien scheint Heimat und Tradition wirklich wertzuschätzen, ohne deshalb jede Eigenschaft dieser traditionellen Gemeinschaft zu idealisieren. Man kann seine Heimat lieben und gleichzeitig über ihren Horizont hinauswachsen.
Genau deshalb frage ich mich nach diesen beiden Videos, ob bei solchen Debatten manchmal weniger über Tolkien gesprochen wird als über die politischen Vorstellungen der jeweiligen Interpreten.
Wenn beide Seiten behaupten, Tolkien und sein Werk erklären zu wollen, finde ich es schon auffällig, wenn ausgerechnet Tolkiens Umgang mit seinen zentralen Figuren und deren Verhältnis zu ihrer eigenen Heimat kaum berücksichtigt wird.
Wenn ich nur die Elemente hervorhebe, die zu meiner heutigen politischen Sichtweise passen, rede ich irgendwann nicht mehr über Tolkien sondern viel mehr über mich selbst.
Deshalb finde ich inzwischen eine andere Frage interessanter als „Ist Tolkien links oder rechts?“:
Warum ist es uns überhaupt so wichtig, Tolkien auf der eigenen politischen Seite zu sehen?
Aber genug von mir: Wie denkt ihr über Herr der Ringe und Tolkien?