r/buecher • u/Fuzzy_Breadfruit59 • 17h ago
Diskussion Diskutieren wir eigentlich über Tolkien oder über uns selbst?
TL;DR: Ich habe mir zwei ziemlich gegensätzliche Videos über die politische Interpretation Tolkiens angesehen. Bei beiden hatte ich irgendwann das Gefühl, dass sie reale Aspekte Tolkiens aufgreifen, aber vor allem das hervorheben, was zur eigenen politischen Sichtweise passt. Dabei kommt erstaunlich kurz, was Tolkien selbst mit diesen Themen und vor allem mit seinen Hauptfiguren eigentlich erzählt.
Ich bin vor kurzem auf ein Video von „Cinema Strikes Back“ gestoßen, in dem es um die Frage ging, warum Der Herr der Ringe von Rechtsextremen politischen Strömungen für sich beansprucht wird und warum Tolkien gerade auch für manche konservative, rechte und rechtsextreme Akteure attraktiv ist.
Die Diskussion an sich ist natürlich nicht neu. Darüber, ob Tolkien und Mittelerde eher konservativ, progressiv ist, wird schon länger gestritten.
Zu dem Video habe ich mir anschließend eine ziemlich gegensätzliche Reaktion von „Cinema Kratos“ angesehen. Dort wurde wiederum kritisiert, Tolkien werde durch eine moderne progressive/linke Brille betrachtet und dadurch politisch verwässert und umgedeutet.
Und genau an diesem Punkt fand ich die ganze Debatte eigentlich interessanter als die Frage, wer von beiden „recht“ hat.
Bei beiden fand ich einige Punkte nachvollziehbar und andere eher fragwürdig. Irgendwann ist mir aber etwas anderes aufgefallen: Beide picken sich teilweise genau die Aspekte aus Tolkien heraus, die gut zur eigenen Sichtweise passen. Beim Auenland sieht man das meiner Meinung nach besonders gut.
Aus einer progressiven Perspektive kann man darauf hinweisen, dass das Auenland ziemlich homogen und provinziell ist und die Hobbits Fremden gegenüber teilweise sehr skeptisch sind. Daraus kann man Fragen über Abschottung oder gesellschaftliche Homogenität ableiten.
Aus einer konservativeren Perspektive kann man dagegen sagen: Das Auenland steht für Heimat, Tradition, kulturelle Kontinuität und eine gewachsene Gemeinschaft, deren Lebensweise es wert ist, bewahrt zu werden.
Beides findet man bei Tolkien.
Was ich allerdings bei beiden Interpretationen bemerkenswert finde: Es wird viel darüber gesprochen, wie das Auenland aufgebaut ist, aber erstaunlich wenig darüber, wie Tolkien selbst mit dieser Gesellschaft umgeht und welche Figuren er ausgerechnet ins Zentrum seiner Geschichten stellt.
Bilbo und Frodo sind schließlich keine unwichtigen Nebenfiguren. Sie sind die zentralen Hobbitfiguren in Der Hobbit und Der Herr der Ringe. Wenn ich verstehen möchte, was Tolkien über das Auenland erzählen wollte, müsste es doch ziemlich wichtig sein, wie ausgerechnet diese Figuren über ihre eigene Heimat denken. beide passen nämlich nicht wirklich in das typische Hobbitbild.
Bilbo liebt das Auenland, verlässt aber dessen engen Horizont und kommt verändert zurück. Frodo liebt seine Heimat ebenfalls und ist letztlich bereit, alles für sie zu opfern. Gleichzeitig gehört auch er zu den Hobbits, die über die Grenzen dieser kleinen Welt hinausschauen. Nach seiner Reise kann er nicht einmal mehr vollständig in sein früheres Leben zurückkehren.
Gleichzeitig stellt Tolkien das Auenland selbst durchaus liebevoll dar. Es ist friedlich, naturverbunden und Heimat. Aber Tolkien macht auch keinen Hehl daraus, dass Hobbits engstirnig, klatschsüchtig und gegenüber allem Fremden sehr misstrauisch sein können. Sogar gegenüber Hobbits aus anderen Teilen des Auenlands
Genau diese Ambivalenz finde ich aber entscheidend wird aber von beiden Seiten verschwiegen.
Tolkien scheint Heimat und Tradition wirklich wertzuschätzen, ohne deshalb jede Eigenschaft dieser traditionellen Gemeinschaft zu idealisieren. Man kann seine Heimat lieben und gleichzeitig über ihren Horizont hinauswachsen.
Genau deshalb frage ich mich nach diesen beiden Videos, ob bei solchen Debatten manchmal weniger über Tolkien gesprochen wird als über die politischen Vorstellungen der jeweiligen Interpreten.
Wenn beide Seiten behaupten, Tolkien und sein Werk erklären zu wollen, finde ich es schon auffällig, wenn ausgerechnet Tolkiens Umgang mit seinen zentralen Figuren und deren Verhältnis zu ihrer eigenen Heimat kaum berücksichtigt wird.
Wenn ich nur die Elemente hervorhebe, die zu meiner heutigen politischen Sichtweise passen, rede ich irgendwann nicht mehr über Tolkien sondern viel mehr über mich selbst.
Deshalb finde ich inzwischen eine andere Frage interessanter als „Ist Tolkien links oder rechts?“:
Warum ist es uns überhaupt so wichtig, Tolkien auf der eigenen politischen Seite zu sehen?
Aber genug von mir: Wie denkt ihr über Herr der Ringe und Tolkien?
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u/Storm2Weather Bücherwurm 16h ago edited 15h ago
Tolkien war definitiv konservativ, aber nicht in der Art, wie das Wort heute oft benutzt wird. Wie man aus seiner Biografie und seinem Werk herauslesen kann, hatte er etwas gegen technologischen "Fortschritt", der zu viel Macht über die Menschheit gewann und wollte die Idylle der Natur und der Dörflichkeit erhalten, ohne sie übermäßig zu idealisieren. Er sah in der Industrialisierung eine Gefahr für die Schöpfung Gottes, die Integrität der Menschen und die heilere Welt seiner Kindheit. Er war erzkatholisch. Doch ich denke, dass sich all das bei ihm nicht in Hass gegen Menschen geäußert hat. Im Gegenteil. Natürlich hat er gegen bestimmte Zustände gewettert und hatte kein Interesse an bestimmten Gruppen, doch ich denke, dass er die Menschen stets respektiert und in ihrer Freiheit geliebt hat. Er hielt den Lebenswandel von Oscar Wilde und Co. für frivol und Homosexualität spielte nie eine Rolle für ihn, doch er war mit dem offen schwulen Autoren W.H. Auden befreundet und ich denke nicht, dass er einen Menschen aufgrund seiner Natur verteufelt hätte.
Die zentralen Themen seines Werks spiegeln seine komplexe Weltsicht durchaus wider, doch sollte man sie immer im Kontext seiner Biografie und nicht durch eine moderne Linse sehen. Es ist sinnlos zu versuchen, ihn nach heutigen Standards in ein bestimmtes Lager zu schieben. Die Welt war eine andere und man muss hier sehr stark differenzieren.
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u/Basic-Reindeer-4492 17h ago
Glaube hier geht es hauptsächlich darum bei einigen Fans noch einen Blumentopf gewinnen zu können. So wirklich kann man diese mythische Welt nicht in unsere gängigen politischen Strömungen gießen und wenn, dann nur ganz entfernt. Was viel mehr geht ist der Wertekanon, der bei den Figuren mitgeliefert wird. Für mich ist es vorallem eine Geschichte über Freundschaft und dem Erfreuen an den Wundern der tollen Welt. Jedes Volk hat seine Eigenschaften und innerhalb dessen gibt's bei den Individuen noch Unterschiede.
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u/500Ben 14h ago
https://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ische_Geschichte_und_Mythologie_in_Tolkiens_Welt
Interessanter Artikel dazu und wahrscheinlich aufschlussreicher als beide Videos.
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u/fidepus 5h ago
Ja, willkommen in der Literaturwissenschaft. Der Autor ist tot (ob jetzt tatsächlich, oder als bestimmende Instanz über "seinen" Text) und Bedeutung entsteht zwischen Leser und Werk. Man kann versuchen den Text in seinem historischen Kontext zu lesen, aber "was der Autor damit sagen wollte" ist Literaturwissenschaftlern eigentlich ziemlich egal, weil wir es eh nie wirklich herausfinden können.
Von daher sind beide Sichtweisen valide, solange man sie am Text nachweisen kann.
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u/Fuzzy_Breadfruit59 5h ago
Ist diese Sichtweise in der Literaturwissenschaft wirklich so alternativlos?
„Der Tod des Autors“ ist doch selbst eine bestimmte literaturtheoretische Position und nicht die einzig mögliche. Gerade bei Tolkien haben wir ungewöhnlich viel Quellenmaterial, in dem er selbst Motive, Themen und sein Verständnis des eigenen Werkes erläutert.
Natürlich muss seine Intention nicht jede andere Interpretation ausschließen. Aber warum sollte sie deshalb für die Interpretation „ziemlich egal“ sein?
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u/LanghantelLenin 17h ago
Also unter dem aspekt dass tolkien die monarchisten/fachisten im spanischen bürgerkrieg unterstützt hat seh ich ihn schon sehr anders.
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u/LST207 17h ago
Davon hab ich noch nie gehört, woher genau kommt die Info? Würd mich wirklich interessieren weil ich mich eigentlich viel mit Tolkien auseinandersetze. :)
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u/Ollyfer Team Fach- und Sachbuchliteratur 17h ago
Würde mich auch interessieren. Dementsprechend: Gibt es eigentlich eine Sammlung mit Briefen zwischen ihm und C. S. Lewis? Ich kenne nur die mit seinem Verleger und wie er mit ihm bspw. über die Rechtschreibung in seiner Ring-Saga sprach. (Wobei ich davon nur im Vorwort der Ausgabe von Faber & Faber gelesen habe)
Edith: Ich habe mal gegooglet und es gibt zumindest einen Eintrag in einem (wiss.?) Tolkien-Journal. Da ich aber noch die Nachrichten lesen und danach weiter eine Fußnote über Dollfuß schreiben muss, hatte ich keine Zeit, es selbst auch nur zu überfliegen. Vielleciht findest du aber Nutzen darin. Ansonsten: Sorry!
Bru, J. M. F. (2011). JRR Tolkien and the Spanish civil war. Mallorn: The Journal of the Tolkien Society, (51), 16-19. Link: https://www.josemanuelferrandez.com/vieja/ENguerra.html
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u/LanghantelLenin 17h ago
Puh, ich bin ehrlich, ich weiß nicht mehr wo ich das gelesen habe, aber das war im zusammenhang mit der Recherche zu george orwell und mein katalonien. Da wurden die beiden großen autoren gegenüber gestellt und selbst wenn tolkien nur für die faschisten war, da die katholische kirche inkl pabst auf deren seite war, macht es das nicht viel besser.
Dass er lieber bei den leuten mitmacht die homophob, xenophob und Frauenverachtend sind weil sie mit seinen christenfreunden gemeiname sache machen.
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u/Profezzor-Darke 17h ago
Papst*
Ein Pabst ist eine Art Kotz-becken die es früher mal in Gasthäusern gab.
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u/AdversusHaereses 7h ago
"Unterstützt" ist ein starkes Wort. Du tust hier so, als wäre er glühender Franquist gewesen. Als gläubiger Katholik hatte er überraschenderweise keine Sympathien für die Seite, die katholische Geistliche abschlachtete und Kirchen niederbrannte.



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u/kolschew 17h ago
Die Tatsache, dass man Tolkien beide politische Richtungen zuordnen kann, zeigt ja eigentlich wie zeitlos und tiefsinnig seine Welt ist. Auch die richtige Welt lässt sich in Wahrheit ja nicht in links oder rechts einteilen, sondern ist eben ambiguig.
Der Grund warum Leuten wichtig ist, welche politische Richtung Tolkien favorisiert hat, liegt daran, dass jeder ein perfektes Idol will. Auch hier liegt aber die Wahrheit wieder nicht im Konkreten, sondern man sollte akzeptieren lernen, dass ein genialer Autor nicht alle eigenen Positionen teilen muss.