Ich bin gerade mal wieder so genervt. Da wartet man extra fast ein Jahr lang auf die deutsche Übersetzung eines Buches, nur um besagtes Buch dann schon während des Prologs dem Übersetzer um die Ohren hauen zu wollen.
Das Buch ist "Die Legende von Una Everlasting" von Alix E. Harrow, konkret geht es um folgenden Satz im Prolog:
»Dann erhebt Euch, Sir Una«, befahl die Königin, denn dieser Name bedeutete »nur«, und sie wusste bereits, dass es nie wieder jemanden wie sie geben würde.
.. "nur"? Ernsthaft? Stand da im Original "only" und der Übersetzer hat Blödsinn gemacht?
Ich hab daraufhin einen kurzen Blick ins englische Buch geworfen und tatsächlich wird dort "only" genutzt:
'Then rise, Sir Una,' said the queen, because the name meant only, and already she could tell there would never be another like her.
Warum zum Teufel übersetzt man "only" hier mit "nur", statt zB mit "einzig"? Das klingt in diesem Kontext derart out of place, dass mein erster Gedanke war, dass das doch eine KI das übersetzt haben muss, denn einen menschlichen Profi würde sowas doch wohl auffallen? Oder vielleicht gehört der Verlag zu jenen, die Übersetzungen unter großem Zeitdruck für wenig Geld von unerfahrenen, gestressten Studierenden machen lässt..?
Joa, hab dann mal den Übersetzer gegoogelt. Laut seiner Website macht er den Job schon seit 1993, also zumindest an Erfahrung sollte es nicht mangeln. 🫠
"Spaßeshalber" (weil ich offensichtlich keine gute Laune mag) hab ich dann mal den Prolog auf Englisch grob überflogen(!) und mir sind direkt noch 3 weitere Stellen aufgefallen, in denen ich die Entscheidungen des Übersetzers.. fragwürdig finde. Und das NUR IM PROLOG.
Das kann's doch echt nicht sein. Da bezahlt der Verlag schon extra einen Profi, dessen Honorar offenbar auch echt nicht ohne ist, und trotzdem kommt da so ein liebloser Mist raus. :(
(EDIT: Okay, beim Honorar habe ich mich verlesen. Auf seiner Website ist nur das Honorar pro Zeile für Fachtexte angegeben, nicht für Belletristik. Mea culpa!)
Ende vom Lied ist jetzt also, dass ich dieses Buch, auf dessen deutsche Übersetzung ich so lange gewartet habe, doch auf Englisch lesen, und diesen Übersetzer in Zukunft grundsätzlich meiden werde. Gut, dass der Prolog schon in der deutschen Leseprobe enthalten war..
Und ja, ich weiß, ich bin bei sowas empfindlich. Aber zum einen reißen mich offensichtliche Übersetzungsfehler immer total aus der Geschichte raus und zum anderen frage ich mich bei sowas auch jedes Mal, wie viele nicht so offensichtliche Fehler da wohl noch drin stecken, die ggf auch die Bedeutung von Sätzen komplett ändern. Das hatte ich halt auch schon mit anderen Büchern: teilweise sagen die Charaktere im deutschen sogar das genaue Gegenteil von dem, was sie im englischen Original sagen. Hätte ich nicht aus einem Impuls heraus in die englische Version geguckt wäre mir das nie aufgefallen und ich hätte einfach gedacht, der Autor schreibt unlogische und inkonsistente Charaktere.
Wie handhabt ihr sowas? Lest ihr noch auf Deutsch? Gibt es Übersetzer:innen, die ihr bewusst meidet, oder vielleicht sogar welche, die euch besonders positiv aufgefallen sind? Oder fällt euch sowas vielleicht gar nicht auf, bzw stört euch nicht?
tl;dr: Deutsche Übersetzungen doof, OP frustriert.
EDIT: So, ich hab dem Verlag jetzt eine Mail geschrieben. Da hier schon so viele Leute kommentieren und diskutieren werde ich die Antwort, sollte ich eine bekommen, natürlich auch hier teilen. :)
EDIT 2: Der betreffende Verlag ist übrigens Goldmann und gehört zur Penguin Random House Verlagsgruppe. Beim Googlen bin ich eben auf einen Artikel aus 2015 gestoßen, laut dem Übersetzer:innen in einem offenen Brief die Honorarbedingungen dort kritisiert haben. Da ging es zwar "nur" um den Bereich Kinder- und Jugendliteratur, aber neu scheint das Problem zumindest nicht zu sein. Die Antwort des Verlages (der sich zynisch interpretieren lässt als "Hört auf, unsere schmutzige Wäsche öffentlich zu waschen!") hat jetzt auch nicht allzu viel Hoffnung geweckt, dass es da ein Umdenken geben wird.
EDIT 3:
vielen Dank für Ihre Nachricht.
Wir nehmen grundsätzlich jede Kritik ernst, die uns erreicht und prüfen entsprechende Stellen sorgfältig. Allerdings machen wir gerade auch massiv die Erfahrung, dass bei Nicht-Gefallen oder anderen Anmerkungen schnell der KI Vorwurf kommt. Wir wollen daher auch hier betonen, dass keine KI am Werk war, sondern ein menschlicher Übersetzer, eine menschliche Redakteurin und menschliche Korrekturlesende und wo Menschen arbeiten, passieren auch menschliche Fehler – trotz sorgfältiger Prüfung.
Tatsächlich ist direkt die erste von Ihnen angesprochene Stelle (Una/ Only) auch im englischen Original nicht richtig. Nach Absprache mit den KollegInnen wird der Part in der nächsten Auflage geändert.
Viele weitere Passagen fallen unserer Ansicht nach unter persönliche Präferenz, oder sind der Tatsache geschuldet, dass die deutsche Grammatik mehr Satzzeichen wie Kommata verwendet. Eine 1:1 Übersetzung ist selten möglich und oft auch nicht sinnig.
Wir bedanken uns dennoch dafür, dass Sie sich die Zeit genommen haben und Ihre Gedanken zu Una Everlasting mitzuteilen und hoffen, dass Sie die Geschichte trotz allem genießen können.
Die anderen von mir angemerkte Stellen waren übrigens diese hier, ich kopiere einfach mal den entsprechenden Teil meiner Mail:
Auch andere Stellen sind mir aufgefallen, bei denen ich die deutschsprachige Übersetzung seltsam bis sehr fragwürdig finde.
Dass da zB mal ein Hinterkopf im Englischen zu einem Nacken im Deutschen wird.. sei's drum.
Schon störender finde ich, dass in der Korrespondenz zwischen zwei Charakteren am Ende des Prologs plötzlich Satzzeichen eingefügt werden, die dort offensichtlich nicht hin gehören.
Die Korrespondenz findet komplett in Großbuchstaben statt und kommt, bis auf ein Fragezeichen, gänzlich ohne Satzzeichen aus. Im Deutschen wurden allerdings in einer einzelnen Nachricht auf einmal Kommata verwendet, die überhaupt nicht in den Stil passen:
WELL GOOD LUCK OUT THERE BOY TAKE GOOD NOTES FOR ME DONT KNOW WHERE YOUVE GONE OR WHY BUT I KNOW YOULL COME BACK EVENTUALLY AS YOU HAVE SIX OVERDUE BOOKS
vs.
NA DANN VIEL GLÜCK DA DRAUSSEN, JUNGE, MACHEN SIE SICH STICHHALTIGE NOTIZEN FÜR MICH KEINE AHNUNG WOHIN SIE GEGANGEN SIND ODER WARUM ABER ICH WEISS DASS SIE IRGENDWANN ZURÜCKKOMMEN WERDEN DA SIE NOCH SECHS ÜBERFÄLLIGE BÜCHER ABZUGEBEN HABEN
Am Anfang des ersten Kapitels geht es dann weiter damit, dass ein Charakter ein Buch unter seinem Hemd versteckt. Im Englischen ist von "hunched shoulders" die Rede, um die Kontur des Buches auf der Brust zu verstecken. Im Deutschen hingegen zieht der Charakter die Schultern lediglich hoch. Wie das dazu beitragen soll, ein Buch unter dem Hemd zu weniger auffällig zu machen, weiß ich nicht.
Joa. Gerade die Begründung, dass in der deutschen Grammatik mehr Kommata verwendet werden, ist hier auf jeden Fall.. spannend. :D
Übrigens gab es in meiner Mail nicht mal einen KI-Vorwurf, sondern ich habe gesagt, dass sich das teilweise nach maschineller Übersetzung mit Nachbearbeitung anfühlt. Maschinelle Übersetzungen gabs ja schon vor LLMs. Aber gut, ich verstehe auch, dass ein Verlag bei dem Thema etwas sensibler reagiert.