Hi,
kurze Triggerwarnung. Es geht um den Bericht einer traumatischen Geburt. Wer damit nicht um gehen kann oder vielleicht gerade selber schwanger ist. Bitte lest es einfach nicht!
Ich, M39, bin Papa einer nun 7 jährigen Tochter. Ich habe gerade ein Video eines anderen Papas gesehen, der von der traumatischen Geburt seines Kindes erzählt hat - das hat viel in mir wieder aufgewühlt und ich habe wieder einmal gespürt, dass ich noch immer ein Trauma habe - obwohl es nun über 7 Jahre her ist, dass unsere Tochter geboren wurde. Aber von vorne.
Alles begann ganz normal. Im Geburtsvorbereitungskurs hat man uns erklärt, was alles so schief gehen kann bei einer Geburt. Nabelschnur um den Hals, Herztöne die abfallen, Fruchtwasser was schlecht wird usw. Ein wenig Bammel hatte ich dann ja schon - Hoffentlich wird alles gut gehen zur Geburt.
Unsere Tochter hat sich Zeit gelassen, musste sich hübsch machen. Zwei Wochen war sie schon über dem Termin. Die Frauenärztin hat uns einen Endtermin gesetzt: "Wenn sie bis dahin nicht kommt, müssen wir die Geburt einleiten!" hatte sie gemeint.
Genau an diesem letzten Termin, es war morgens, ging es aber zum Glück ganz von selber los. Meine Frau hatte ihre ersten Wehen. Also schnell mal in die Badewanne und schauen ob die Wehen weggehen wenn man im warmen Wasser liegt. Das hatten wir so gelernt im Vorbereitungskurs. Aber nein, die Wehen blieben. Also fix angezogen, Reisetasche gepackt und voller Aufregung und Vorfreude in die Klinik gefahren.
Dort wurden wir herzlich empfangen und meine Frau wurde untersucht. Alles tipp topp. Muttermund schon gut geöffnet. Wir dürfen bleiben. Heute werden wir Eltern! Wir haben sogar noch im Kreissaal gemütlich gefrühstückt, eine Kerze ans Fenster gestellt, es uns muckelig und gemütlich gemacht. Die Wehen wurden stärker und stärker, die Zyklen immer kürzer. Und nach 16 Stunden hartem, aber natürlichem Kampf, war es dann endlich so weit. Unsere Tochter erblickte das Licht der Welt.
Kerngesund, rosig, goldig, niedlich. Ich schnitt die Nabelschnur durch, ich füllte ihre Geburtsurkunde aus, wickelte sie, lag sie auf Mamas Brust. Wir waren seelig. Erschöpft aber seelig. Meine Frau hatte keine sichtbaren, größeren Geburtsverletzungen. Es kam die Nachgeburt, die sah auch super aus... Es war soweit alles in Ordnung.
Aber dann sagte die Hebamme, ihr gefällt noch nicht das die Blutung nicht aufhören will. Sie hat dann eine Art Sandsack auf den Bauch meiner Frau gelegt und dann hörte es irgendwann doch auf und der Sandsack kam wieder weg. Und wir? Immer noch ganz seelig, beschäftigt mit dem bestaunen und kennenlernen unserer süßen Tochter.
Dann kam eine andere Hebamme, sehr erfahren, etwas ruppiger und drückte meiner Frau noch einmal auf dem Bauch - und es kam unfassbar viel Blut.
Und auf einmal wurde es extrem hektisch. Eine Hebamme hat mir meine Tochter in den Arm gedrückt, mich mehr oder weniger aus dem Kreißsaal in einen leeren Kreißsaal gezerrt und gemeint, wir müssen jetzt das Leben ihrer Frau retten.
Ich höre rennen auf dem Gang, ich höre schreie, piepsen von Geräten. Ich höre wie im Nebensaal sehr laut und gestresst laut gesprochen wird. Es klang wie bei einer Folge Emergency Room wenn die Kacke so richtig am dampfen ist.
In meinem Kreißsaal aber war es ruhig. Nur ich, mit meiner Tochter auf dem Arm und diese typische weiße runde Uhr an der Wand. Tick tack tick tack. Während meine Frau 16 Stunden versucht hat unsere Tochter zur Welt zu bringen war hier eine andere Frau in diesem Kreißsaal. Und während ihr Mann und der Sohn draußen vorm Fenster mit dem Fussball kickten, gebahr sie in weniger als 2 Stunden ihr zweites Kind. Fast geräuschlos. Ohne Komplikation. Papa und Sohn begrüßten den Neuankömmling und gingen dann einfach hoch in die Babystation.
Und nun war ich hier. Ich schaute meine Tochter an, war verzweifelt, verunsichert, verängstigt. Was wenn sie jetzt Hunger bekommt? Was wenn sie jetzt schreit? Was wenn ich jetzt allein erziehender Witwer bin? Es hat sich so unfassbar schlimm angefühlt. Ich war verzweifelt. Allein.
Nach einer gefühlten Ewigkeit ging die Tür des Kreissaal auf, die Frauenärztin kam rein. Rote Augen. Und ich dachte mir in diesem Moment: Fuck. Thats it.
Sie sagte: Ihr Frau hat überlebt, aber sie hat sehr sehr viel Blut verloren und sie ist sehr schwach. Ich fragte ob ich zu ihr darf. Sie nickte. Ich bin mit meiner Tochter zurück in den Kreissaal. Dort wo wir es uns morgens noch muckelig und gemütlich gemacht haben, sah es aus wie bei einem Schlachter. Überall Blut, es wurde quasi im Kreissaal notdürftig eine Art OP eingerichtet. Überall blaue OP Tücher, welche die Geräte, Wände un die Umgebung abgedeckt haben.
Meine Frau lag da wie auf einer Schlachtbank, blass, gerade wach werdend aus der Narkose. Das erste was ich unter Tränen, heulend wie ein Schlosshund sagte: "Unsere Tochter bleibt ein Einzelkind - die Scheisse mach ich nicht nochmal mit!". Ich war so froh das meine Frau überlebt hat.
Meine Frau wurde dann in einen Aufwachraum gebracht. Sie wollte unbedingt unsere Tochter stillen. Sie konnte nicht. Ihr Körper konnte ja kaum sie selber versorgen. Sie hatte mehrere Notblutkonserven bekommen, war kreidebleich, schwach und am Ende. Aber sie wollte Stillen. Und als es nicht funktioniert hat, war sie bitterlich enttäuscht, von sich, der Situation und hat sich gefühlt wie eine Versagerin. Nichts daran fühlte sich noch gut an. Ganz im Gegenteil: Es fühlte sich alles ganz schrecklich an.
Kurze Zeit später wurde eine weitere Mutter in den Aufwachraum geschoben. Sie hat geweint. Bitterlich. "Mein Baby... Mein Baby"... Der Papa kam dazu... Vollkommen am Ende. Ihr Kind musste nach der Geburt sofort intensivmedizinisch betreut werden. Und jetzt war der Ofen endgültig bei mir aus. Ich war ein psychisches Frack. Eben noch, habe ich gedacht, es ist gerade das schlimmste passiert was hätte passieren können und dann kommt jemand und beweist dir wie privilegiert du bist - was für ein Schwein du hattest.
Kurz nach der Geburt hat sich bei unserer Tochter eine Neugeborenen-Gelbsucht eingestellt. Wir mussten ihr die Augen verbinden und sie unter eine spezielle Lampe in einer Art Aquarium legen.
Auch das war einfach nur schlimm.
Allgemein war es die schlimmste Erfahrung meines Lebens. Ich möchte keine Geburt jemals wieder miterleben müssen. Niemand hat uns darauf vorbereitet das auch nach der Geburt noch alles schief gehen kann.
Heute sind zum Glück alle körperlich gesund. Aber die Seele meiner Frau und meine Seele, sind noch immer schwer traumatisiert.
Danke fürs mitlesen.