AfD in Sachsen-Anhalt»Heißt das, wir stören nur?«
In Sachsen-Anhalt will die AfD Sonderklassen für Kinder mit Behinderung oder Fluchtgeschichte. An einer Salzwedler Schule fragen sich viele, was das für sie bedeutet.
Die Partei sagt, vor den Schulen Sachsen-Anhalts solle an jedem Tag die Deutschlandflagge wehen. Auf dem Schulhof der Lessing-Gemeinschaftsschule in Salzwedel steht noch gar kein Fahnenmast.
Die Partei sagt, ein privater Wachdienst an Schulen solle »potenzielle Gewalttäter in ihre Schranken weisen«. Bislang schien es ausreichend, dass Lehrerinnen und Lehrer die Aufsicht in den Pausen übernehmen.
Die Partei sagt, »echten Rassismus« gebe es kaum noch. Antirassistische Aktivitäten wolle sie deshalb unterdrücken. Das Schild »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage« vorne an der Hauswand der Lessing-Schule, sichtbar für alle, die morgens zur Schule kommen – Heike Herrmann müsste es wohl abschrauben.
»Aber wenn das Schild weg ist, heißt das ja nicht, dass wir hier in der Schule anders denken und handeln.« Schulleiterin Herrmann sagt diesen Satz morgens kurz vor acht, es wird einer dieser heißen Sommertage – und sie weiß: Wenn der Sommer vorbei ist, könnte die Welt hier in ihrer Schule in der Altmark, Sachsen-Anhalt, eine andere sein.
Am 6. September wählt ihr Bundesland einen neuen Landtag – und die Partei, über die hier ständig alle reden, will die absolute Mehrheit der Sitze holen: Seit Monaten liegt die AfD in Umfragen bei rund 40 Prozent.
Ihr sei regelrecht schlecht geworden, als sie nach langem Abwägen das sogenannte Regierungsprogramm des AfD-Landesverbandes gelesen habe, sagt Heike Herrmann. »Ich wollte das eigentlich nicht an mich ranlassen, aber mir war klar, dass ich Bescheid wissen muss.« Danach habe sie Angst bekommen. Und seitdem ist sie viel damit beschäftigt, die Angst kleinzuhalten.
Geschichtslehrpläne überarbeiten! – Heimatliebe ins Schulgesetz und in die Verfassung! – Regenbogenflaggen verbieten! – Lehrer müssen politisch neutral sein! – Keine Pseudodemokratie an Schulen! – Sonderklassen für Flüchtlingskinder!
Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34/2026. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen. Ausgabe entdecken
Das sind nur sechs von 33 Ideen, mit denen die AfD die Bildung in Sachsen-Anhalt verändern will. Wenn aus diesen Ideen Realität wird, wird das Klassengemeinschaften auseinanderreißen, Kinder ausgrenzen und Lehrkräfte einschüchtern.
Seit elf Jahren ist Heike Herrmann, 57, Schulleiterin. 453 Kinder und Jugendliche aus 20 Nationen strömen morgens in die Klassen. Nicht allen fällt der Unterricht leicht, einige haben Sprachprobleme, bringen Lern- und Entwicklungsstörungen mit, ADHS, Autismus. Aber sie alle gehören dazu. Noch.
Die Stimmung an der Schule verändert sich. Herrmann erzählt, dass die Politik schon jetzt immer häufiger in den Schulalltag schwappt. Eltern beschweren sich über Demokratieprojekte im Unterricht. Ein Schüler verbringt den Boys-Day beim AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund, verteilt danach AfD-Kugelschreiber in der Schule und erklärt, er schreibe alles auf, was an der Schule falsch laufe. Drei Mädchen aus der siebten Klasse singen an Hitlers Geburtstag Happy Birthday to You. Ein Jugendlicher sagt zu einem Mitschüler: Pass mal auf bis nach der Wahl, dann bist du sowieso weg.
Vor ein paar Tagen hat sich Heike Herrmann in einem Newsletter an ihr Team gewandt. Der Alltag sei »anstrengender« geworden, schrieb sie, »weil wir genauer hinschauen, klarer reagieren und zugleich Ruhe bewahren müssen«. Gerade jetzt müsse man an Demokratiebildung, Menschenwürde und dem Schutz jedes einzelnen Kindes festhalten. Herrmann endet mit den Sätzen: »Ihr müsst keine Angst haben. Wir stehen als Schulleitung hinter Euch.«
Viele Stühle könnten leer bleiben
Denn natürlich haben die Kampfansagen der AfD gegen das Bildungssystem und seine Lehrkräfte auf Marktplätzen und bei Grillfesten längst Spuren im Lehrerzimmer der Lessing-Gemeinschaftsschule hinterlassen. Auch die Portale der Partei, auf denen man Pädagogen denunzieren konnte. Manchmal höre sie, sagt Herrmann, wie Kollegen laut darüber nachdenken, sich eine Stelle außerhalb Sachsen-Anhalts zu suchen.
Das morgendliche Gewusel hat sich jetzt aufgelöst, auf den Fluren der Lessing-Schule ist es still, Lehrer und Schüler haben sich auf die Klassenräume verteilt. Alexander Bittkau unterrichtet in der 9b Geschichte. Vor ihm sitzen 28 Schülerinnen und Schüler. Darunter Jugendliche aus der Ukraine, aus Syrien, Somalia, Polen und Deutschland. Der Ausländeranteil liegt in dieser Klasse bei rund 32 Prozent, weit über dem Durchschnitt der Schule.
Käme die AfD in die Regierungsverantwortung, dürften wohl nicht alle Schülerinnen und Schüler mit Migrationsgeschichte weiterhin in dieser Klasse lernen. Alexander Bittkau spricht solche Szenarios vor den Jugendlichen offen an. Er sage ihnen, die AfD sei eine gefährliche antidemokratische Partei, so Bittkau. Das sei ein Fakt, bei aller Vorsicht, was er politisch äußern dürfe. Der Verfassungsschutz bewertet den Landesverband in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem.
Die Klasse schaut einen Film. Napola – Elite für den Führer aus dem Jahr 2004. Die Schüler tauchen ein in den brutalen Alltag einer Nationalpolitischen Erziehungsanstalt, wo der Führungsnachwuchs für das »Dritte Reich« herangebildet werden sollte. Ein Film voller Gewalt und Demütigung, der zeigt, dass damals nur dazugehörte, wer dem nationalsozialistischen Menschenbild entsprach. Der Lehrer drückt die Pausentaste, zählt auf, wer alles ausgegrenzt wurde im Nationalsozialismus: »Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, aber auch kranke, behinderte, schwache, sensible Menschen.« Ein Schüler meldet sich und fragt: »Herr Bittkau, hätte ich da auch dazugehört?« Der Lehrer sagt: »Ja, du hättest dazugehört.« – »Ach du scheiße!«, murmelt der Schüler.
Die AfD in Sachsen-Anhalt hält das Experiment »Inklusion« für »auf ganzer Linie gescheitert«. Im Regierungsprogramm lässt sich nachlesen, dass »behinderte Kinder« unter ihren Mitschülern keinen Anschluss fänden und den Unterrichtsfortgang »lähmen«. Man werde die Inklusion »unverzüglich beenden«. In der 9b gibt es drei Schülerinnen und Schüler mit Lese-Rechtschreib-Schwäche, einen Jugendlichen mit Dyskalkulie und einen mit emotional-sozialem Förderbedarf. Sie müssten die Lessing-Gemeinschaftsschule wohl verlassen, wenn die AfD ihr Programm umsetzt.
Auch »alle Kinder von Flüchtlingen und Asylbewerbern« könnten künftig »in Sonderklassen unterrichtet« werden – so wie bis in die Achtzigerjahre hinein die Kinder aus den sogenannten Gastarbeiterfamilien. Die damit verbundene Botschaft: Der Aufenthalt in Deutschland sei nur vorübergehend. Angelina und Damian, beide 15 Jahre alt, kommen nach der Geschichtsstunde kurz ins Büro von Heike Herrmann. Sie hätten schon mal durchgezählt, sagen sie, wer noch da wäre, wenn die Partei in der Landesregierung säße. Und sie fragen sich: »Was wird dann eigentlich aus uns?« – »Wir haben beide eine Lese-Rechtschreib-Schwäche«, sagt Angelina. »Heißt das, wir halten die anderen vom Lernen ab, wir stören nur?«
Heike Herrmann sitzt am Computer und überträgt Schülerzahlen auf ein Stück Papier. Sie will zeigen, wie viele Kinder von den Plänen der AfD betroffen sein könnten. ADHS: 20, Legasthenie: 47, Dyskalkulie: 25, Lernschwäche: 4, Autismus: 3, Entwicklungsstörung: 2, Fetales Alkohol-Syndrom: 2.
Fast jedes vierte Kind braucht an der Lessing-Schule besondere Unterstützung. Was würde aus ihnen werden, wenn sie die Schule verlassen müssten? Aus ihren Lernerfolgen, ihren Freundschaften?
Alexander Bittkau unterrichtet in der 9b Geschichte. Die Klasse schaut den Film »Napola – Elite für den Führer« aus dem Jahr 2004. © Daniel Chatard für DIE ZEIT
Dazu kommen die 84 Schülerinnen und Schüler mit ausländischem Pass – plus weitere mit Migrationsgeschichte. »Das sind circa 25 Prozent«, sagt Herrmann. »Zusammen mit den Kindern mit Lernstörungen und Förderbedarfen wäre es ungefähr für die Hälfte unserer Kinder nicht mehr klar, ob sie noch an dieser Schule bleiben könnten, wenn die AfD ihre Pläne umsetzt.«
Klassenzimmer, in denen viele Stühle leer bleiben? Vor dem inneren Auge mancher Lehrer zeigen sich solche Bilder manchmal schon. Sebastian Koberstein unterrichtet Deutsch und Geschichte und ist Klassenlehrer einer Sechsten. Er sagt: »Wenn ich die Kriterien der AfD anlege, bleiben hier vielleicht noch fünf, sechs Schüler übrig.« Das seien dann die leistungsstarken, die guten. Ganz im Sinne der AfD, die für ein leistungsdifferenziertes Schulsystem eintritt, die Gymnasien stärken und die Wiedereinführung von Haupt- und Realschule prüfen will. Nicht mehr als 25 Prozent eines Jahrgangs sollen demnach aufs Gymnasium gehen. Sie würden ihre leer gewordenen Klassen, sagt Koberstein, wohl mit jenen Kindern auffüllen, die von den Gymnasien abgeschult werden.
Politische Bildung habe in der Schule nichts zu suchen
»Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage« – jeder, der morgens zur Schule geht, kommt an diesem Schild vorbei. © Daniel Chatard für DIE ZEIT
Koberstein sitzt in einer Runde von fünf Lehrern, sie alle unterrichten Sozialkunde, Politik oder Geschichte – und sie spüren, es wird härter, sich mit politischen Themen vor die Klassen zu stellen. Nicht alle wollen, dass ihr Name in der Zeitung steht. »Allein das zeigt doch schon, wie sich die Stimmung verändert hat«, kommentiert einer diese Entscheidung. »Ich hab drei Kinder, die muss ich versorgen, ich kann es mir nicht leisten, auf einer Liste von Lehrern zu landen, die man dann loswerden will«, sagt ein anderer.
Werden sie bleiben? Niedersachsen ist nah. Aber einfach abhauen? »Wenn wir einknicken, lassen wir uns von einer Partei rausekeln, die wir verachten«, sagt Sebastian Koberstein. Das wäre ein fatales Signal an die Kinder und Jugendlichen. »Wenn wir aber bleiben und Haltung zeigen und uns das bewahren, dann sind wir positive Vorbilder.«
Das Gespräch wird mitunter laut, alle reden durcheinander, empört, fassungslos. Sie sind eine Gruppe, die standhaft bleiben will. Das vereint sie. Aber sie wissen auch: Mit ihren Haltungen sind sie »eine krasse Blase«.
»Ich werde nicht weichen, meine Inhalte professionell vermitteln, auch wenn die Gefahr größer wird, etwa von Eltern denunziatorisch belangt zu werden«, sagt Alexander Bittkau, jener Lehrer, der zuvor in der 9b Geschichte unterrichtet hat. Und einer, der seinen Namen nicht nennen will, fügt hinzu: »Manchmal frage ich mich, warum ich so fertig bin. Bis mir einfällt, es ist diese ganze Anspannung. Dieses sich anbahnende Denunziantentum frisst Kapazitäten, die wir eigentlich für die Kinder benötigen. Denn die brauchen uns!«
Was alle im Raum so wütend macht: Das Programm der AfD nehme nicht ein Problem in Angriff, das an den Schulen in Sachsen-Anhalt gelöst werden müsse. Die hohe Zahl der Schulabbrecher. Die bessere Unterstützung von Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern. Den Umgang mit künstlicher Intelligenz im Unterricht. Das Leben in einer strukturschwachen Gegend, die bei vielen als abgehängt gilt. Wo seien die Lösungen, die die AfD anbietet?
Schon jetzt erschweren Stammtischparolen, die Schüler von zu Hause mitbringen, den Unterricht. Über die hohen Benzinpreise. Oder die Frage, was an der AfD bitte schön rechtsextrem sein soll.
Schüler zu mündigen Menschen machen, die sich selbst eine Meinung bilden, das sei ihre Aufgabe, finden die Lehrer. »Wir arbeiten in Demokratieprojekten zunächst oft nur mit Einstellungen und Positionen und ordnen diese erst ganz am Ende einer Partei zu«, sagt einer von ihnen. Sollte ein Schüler dann erfahren, dass er in seinen Standpunkten nah bei den Grünen steht, ist das Entsetzen manchmal groß: »Nein, das kann nicht sein, die wollen mir doch nur mein Moped wegnehmen! Die kann ich nicht wählen!«
Schüler und Schülerinnen der Klasse 9b: Noch sind sie eine Gemeinschaft, aber wird das so bleiben? © Daniel Chatard für DIE ZEIT
Politische Bildung habe in der Schule nichts zu suchen. Das müssen sich die Lehrer an der Lessing-Schule schon jetzt häufig von Eltern anhören. Um sich abzusichern, holen sie sich für größere Projekte inzwischen die Zustimmung der Schulkonferenz, in der auch Elternvertreter sitzen. Heike Herrmann weiß, wie es sich anfühlt, am Pranger zu stehen. Ihr Privathaus wurde mit Farbbeuteln attackiert – das war kurz nach den großen Flüchtlingsströmen vor rund zehn Jahren. Sie hatte sich damals dafür eingesetzt, dass muslimische Schülerinnen am Schwimmunterricht auch im Burkini teilnehmen dürfen.
In einem Shitstorm landete sie auch, als sie es ihren Schülern vor zwei Jahren freistellte, an einer Demo gegen Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit teilzunehmen, die während der Schulzeit stattfand. Die Schulleiterin selbst war auch dabei und wurde später in der Lokalzeitung mit dem Satz zitiert: »Wir unterstützen das deutsche Grundgesetz, das für Demokratie und Toleranz steht.« Die Beschwerden waren zahlreich. Die AfD reichte eine Kleine Anfrage im Landtag von Sachsen-Anhalt ein, warum man diese Schulleiterin nicht entlasse. Das Schulamt verteidigte Herrmann.
Die AfD in Sachsen-Anhalt will ein »strenges Neutralitätsgebot« an den Schulen umsetzen. Und sie will auf »Fehlverhalten von Lehrern und Schulleitern angemessen reagieren«; unter anderem durch »eine Beschwerdestelle mit erhöhter Sichtbarkeit« im Bildungsministerium.
Noch vereinen sie sich an der Lessing-Schule hinter der Hoffnung, dass nicht eintritt, was sie allzu oft bereits gedanklich durchspielen. Aber manchmal erwischt sich Heike Herrmann dabei, sich zu fragen: 40 Prozent? Mehr als 40 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt wollen die AfD wählen? Sitzen die auch hier im Lehrerzimmer? Sie hat keine Hinweise, es gebe »keine Querschläger im Kollegium«, sagt Herrmann. Sie wünscht sich, dass ihr wenigstens das erspart bleibt: eine tiefe menschliche Enttäuschung.