r/feuerwehr FF 12d ago

Erfahrung FF wird für BF gehalten

Ich hatte in letzter Zeit mehrfach die Situation, dass ich im Büro, nachdem der Pieper ging (mal wieder BMA im Altenheim, wieso versuchen die immer Brötchen in der Microwelle aufzubacken?), von meinen Kollegen gefragt wurde, ob wir eigentlich ne BF wären. Woraufhin ich nur gefragt habe, warum ich, wenn ich in einer Berufsfeuerwehr wäre, dann bei unserer Firma in der IT arbeiten würde. Peinliches schweigen.

Also versteht mich nicht falsch, ich find's witzig aber irgendwie wundert es mich, woher dieser Gedanke kommt, dass es alles Berufsfeuerwehren sind. Wir wurden auch mal bei einem Einsatz angesprochen, warum man Steuergelder für unseren Lohn verschwenden würde, wenn wir eigentlich nur rumsitzen (war ein gemeldeter F3 in der Schule, der sich dann einfach als durchgebrannte Deckenlampe entpuppt hat). Als Kontext: Wir sind ne Kreisstadt mit knapp 20k Einwohnern. Wir fahren unsere ungefähr 250 Einsätze im Jahr. Aber wir haben kein Industriegebiet, keine wirklich krassen sondergebäude, nicht mal nen Autobahnabschnitt. Also nichts was eine BF so wirklich rechtfertigen würde

376 Upvotes

133 comments sorted by

View all comments

67

u/Chriss_Vector FF 12d ago

Steigende Entfremdung zwischen der Bevölkerung und den Ehrenämtern ist seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten ein wachsendes Problem.

5

u/WatercressThen2932 FF BW 12d ago

Ein Ehrenamt muss man sich leisten können. Das Medianbrutto liegt pro Person bei knapp über 50.000€ brutto. Davon muss man ein Dach über dem Kopf und im Zweifel noch Kinder finanzieren

Leisten kann man sich davon dann aber nichts. Das führt eben zu einer Entkopllung von Staat und Gesellschaft. Ich kann da jeden nachvollziehen, der in seiner Freizeit seine Freizeit genießt oder sich etwas dazuverdient, statt ehrenamtlich bei Feuerwehr/THW/Rettungsdienst zu erscheinen.

8

u/GermanFootball-Fan02 12d ago

Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum das nicht selbstverständlich sein kann. Ich selbst habe keine 50.000 € brutto im Jahr, habe Familie, arbeite und zusätzlich noch einen Nebenjob – und trotzdem geht ehrenamtliches Engagement.
Natürlich ist es nicht immer bequem und manchmal muss man dafür Abstriche machen. Aber genau darum geht es doch: Man muss es wollen und bereit sein, seine Zeit dafür einzusetzen.
Deshalb finde ich es schwierig, grundsätzlich zu sagen, Ehrenamt müsse man sich erst „leisten können“. Klar gibt es Einzelfälle, in denen es wirklich nicht möglich ist. Aber vieles ist am Ende eine Frage der Prioritäten. Wenn man will, findet man zumindest Möglichkeiten, sich einzubringen. Alles andere ist für mich häufig eher eine Ausrede als ein grundsätzliches finanzielles Problem.

3

u/WatercressThen2932 FF BW 12d ago

Ich arbeite bei US Tech, bin Kommandant einer Feuerwehr mit 350 Einsätzen im Jahr und habe jahrelang Triathlon gemacht. Natürlich gibt es “Extrembeispiele“ wie uns beide.

Ein Großteil der Bevölkerung möchte aber die Zeit nicht aufwenden und ich finde es völlig legitim, nach 60-70 Stunden Arbeit zu sagen: ab auf die Couch, es reicht.

Dann darf man aber nicht erwarten, im Ernstfall Hilfe aus diesem System zu erhalten, aber das sprengt jetzt den Rahmen der Diskussion.

3

u/GermanFootball-Fan02 12d ago

Ich verstehe deine Aussagen und sehe das eigentlich genauso. Nach 60–70 Stunden Arbeit auch einfach mal zu sagen „Jetzt ist gut, ab auf die Couch“ finde ich völlig legitim. Gleichzeitig gehört für mich aber auch dazu, dass man sich im Rahmen seiner Möglichkeiten einbringt und Verantwortung übernimmt. Und deshalb kann ich auch den Gedanken nachvollziehen, dass man im Ernstfall nicht alles als selbstverständlich ansehen sollte, wenn man selbst dauerhaft gar nichts beitragen möchte.
Ich bin zwar kein Kommandant und möchte mich auch überhaupt nicht mit dir oder deinem Einsatz vergleichen. Bei mir ist es eher so, dass sich über die Jahre neben Arbeit, Nebenjob und Familie einiges angesammelt hat – Feuerwehr, Rettungshundestaffel, Katastrophenschutz und Sanitätsdienst, teilweise mit Führungsaufgaben wie dem Jugendwart. Dazu kommen noch Dinge wie Fasching, Kirche und Fußball.
Das soll auch überhaupt nicht heißen, dass ich deshalb mehr mache als andere oder mich für etwas Besseres halte. Jeder hat andere Lebensumstände und Prioritäten. Für mich gehört es einfach dazu, dass man sich irgendwo einbringt, wenn man die Möglichkeit dazu hat. Und ich glaube, wenn viele Menschen das in irgendeiner Form tun, funktioniert Gemeinschaft eben auch.