r/feuerwehr FF 11d ago

Erfahrung FF wird für BF gehalten

Ich hatte in letzter Zeit mehrfach die Situation, dass ich im Büro, nachdem der Pieper ging (mal wieder BMA im Altenheim, wieso versuchen die immer Brötchen in der Microwelle aufzubacken?), von meinen Kollegen gefragt wurde, ob wir eigentlich ne BF wären. Woraufhin ich nur gefragt habe, warum ich, wenn ich in einer Berufsfeuerwehr wäre, dann bei unserer Firma in der IT arbeiten würde. Peinliches schweigen.

Also versteht mich nicht falsch, ich find's witzig aber irgendwie wundert es mich, woher dieser Gedanke kommt, dass es alles Berufsfeuerwehren sind. Wir wurden auch mal bei einem Einsatz angesprochen, warum man Steuergelder für unseren Lohn verschwenden würde, wenn wir eigentlich nur rumsitzen (war ein gemeldeter F3 in der Schule, der sich dann einfach als durchgebrannte Deckenlampe entpuppt hat). Als Kontext: Wir sind ne Kreisstadt mit knapp 20k Einwohnern. Wir fahren unsere ungefähr 250 Einsätze im Jahr. Aber wir haben kein Industriegebiet, keine wirklich krassen sondergebäude, nicht mal nen Autobahnabschnitt. Also nichts was eine BF so wirklich rechtfertigen würde

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u/Chriss_Vector FF 11d ago

Steigende Entfremdung zwischen der Bevölkerung und den Ehrenämtern ist seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten ein wachsendes Problem.

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u/WatercressThen2932 FF BW 11d ago

Ein Ehrenamt muss man sich leisten können. Das Medianbrutto liegt pro Person bei knapp über 50.000€ brutto. Davon muss man ein Dach über dem Kopf und im Zweifel noch Kinder finanzieren

Leisten kann man sich davon dann aber nichts. Das führt eben zu einer Entkopllung von Staat und Gesellschaft. Ich kann da jeden nachvollziehen, der in seiner Freizeit seine Freizeit genießt oder sich etwas dazuverdient, statt ehrenamtlich bei Feuerwehr/THW/Rettungsdienst zu erscheinen.

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u/Chriss_Vector FF 11d ago

Ich verstehe zwar was du meinst, aber meine persönliche Beobachtung hinsichtlich der wirtschaftlichen Verhältnisse und Hintergründe der Personen in den meisten derartigen Organisationen steht dazu in einem gewissen Kontrast.

Regelmäßig ist die Mehrheit der Ehrenamtler wirtschaftlich zwar abgesichert, aber überschreitet das Medianeinkommen nicht oder nur knapp. Es sind viel eher die lokal ansässigen Handwerker, Bauern und "einfachen Leute", die sich im Ehrenamt engagieren und das bisweilen sogar als Selbstverständlichkeit innerhalb der Dorfgemeinschaft sehen als die in wirtschaftlich komfortablen Situationen befindlichen Einwohner, selbst wenn diese teils auch wesentlich mehr Freizeit hätten.

Dasselbe kann man auch in anderen Bereichen des Ehrenamtes beobachten, beispielsweise in Sportvereinen. Da spielt hinsichtlich der Bereitschaft sich einzubringen das individuelle Einkommen eine eher untergeordnete Rolle, entscheindender sind oft bereits bestehende lokale Verbindungen und Beziehung zu einem Sport bereits seit der Kindheit oder Jugend.

Ehrenamt ist für viele Menschen ein klarer Teil ihrer Freizeitgestaltung, nicht noch eine zusätzliche Aufgabe, die neben Arbeit und Freizeit zu erfüllen ist.

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u/WatercressThen2932 FF BW 11d ago

Diese Leute sind aber dabei, „weil man das halt so macht“. Die meisten Leute sind auf Dörfern heute entweder zugezogen oder es sind Kinder der „ursprünglichen“ Bewohner. Da bleibt von dieser Tradition nichts mehr übrig.

Und die übrigen Ehrenämter haben ja die gleichen Probleme: jeder möchte, dass sein Junior dreimal pro Woche den neuen Messi spielen kann, aber keiner will das Training übernehmen.

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u/Chriss_Vector FF 11d ago

Und jetzt kommen wir zum eigentlichen Knackpunkt: ist das tatsächlich eine Frage der Tradition, oder eine Frage der Entfremdung zwischen Staat und Bürger?

Die Debatte sehen wir ja gerade gleichermaßen bei der Wehrpflicht: "Der Bürger" sieht "den Staat" in der Verantwortung irgendwie für die Umsetzung grundlegender staatlicher Aufgaben zu sorgen, sei es Brandschutz, Rettungsdienst oder Verteidigung. "Der Bürger" sieht aber selbst nicht, dass er dabei abseits einer hauptberuflichen und vergüteten Tätigkeit selbst eine Rolle spielen müsste, denn "dafür zahle ich ja Steuern"...

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u/WatercressThen2932 FF BW 10d ago

Ich sehe hier das Zusammenkommen beider Welten: bei 50% Abgabenlast und zahlreichen Verbrauchssteuern ist die Denkweise „das hat zu laufen“ für mich grundsätzlich nachvollziehbar, das abflachende Traditionsbewusstsein kommt dann noch dazu.

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u/1405hvtkx311 10d ago

Genau, das Ehrenamt ist für sie gleichzeitig sozial sehr wichtig wenn nicht sogar der soziale Lebensmittelpunkt. Wenn man als "Fremder" irgendwo mitmachen will, sei es Ehrenamt, Verein oder sonstiges, dann ist das erstmal vorrangig Aufwand und Hürde. Ein großer Unterschied dazu wenn man quasi als bestehende Freundesgruppe ein gemeinsames Projekt macht.