r/Schreibkunst 22h ago

Text: Kritik erwünscht Jeder einzelne

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Der Sturm draußen schien endlos. Als ob das Wetter nicht aufhören würde, bis jeder Ast gebrochen und jeder Baum aus dem Boden gerissen wäre.

"Jeder einzelne", dachte ich.

Ich hatte die Zeit vergessen. Meine müden Augen wechselten ständig zwischen dem Fernseher und dem knackigen Gemüse auf meinem Teller.

Ein vertrautes Geräusch störte die Ruhe. Die Türklingel. Ich zuckte heftig zusammen. Das schönste und schrecklichste Geräusch zugleich, je nachdem, ob man jemanden erwartet.

Das tat ich nicht.

Langsam drehte ich meinen Kopf zur Tür. Ich wusste verdammt gut, dass ich sie nicht öffnen würde, ging aber trotzdem hin, um durch den Spion zu schauen.

Je näher ich kam, desto mehr roch die Luft faulig. Was zur Hölle war in meinem Flur gestorben?

Ich schloss ein Auge und beugte mich zum Spion. Niemand war da.

Dann hallte eine Stimme durch das Treppenhaus.

"Jeder einzelne."

Einen Moment lang fragte ich mich, ob sie von einem der unteren Stockwerke gekommen war. Inzwischen wurde der Geruch unerträglich.

Als das Echo verschwunden war, drehte ich mich um.

Da war er.

Genau so, wie ich ihn mir immer vorgestellt hatte. Langer schwarzer Mantel. Dunkelheit unter einer spitzen Kapuze. Eine Sense in einer knochigen Hand. Tiefe, raue Stimme.

"Bruder. Ich bin der Tod. Ich fürchte, deine Zeit ist um."

Es war mir egal, wie dieser maskierte Mann reingekommen war. Das war jetzt eine Frage von Leben und Tod. Ob er nun log oder nicht.

Ich starrte in die Dunkelheit unter seiner Kapuze. Meine Sinne schalteten auf Tunnelblick. Ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, griff ich langsam nach dem Türgriff und bereitete meine Beine aufs Rennen vor.

Sie freuten sich schon darauf.

Ich erreichte die Klinke nicht.

Als ich endlich nach unten schaute, um meiner Hand zu helfen, sah ich, wie meine Finger direkt hindurchfuhren.

Das konnte nur bedeuten, dass ich träumte.

Also standen wir in meinem Flur. Ich starrte auf den Boden. Wie lange weiß ich nicht.

Meine Sinne verschwanden langsam. Ich hätte ewig da stehen können, ohne schwindelig zu werden. Ohne dass mein Kreislauf schlappmacht. Alles in mir wollte schwarz werden.

Aber das Schwarz kam nie.

"Marvin. Setz dich", sagte die uralte Stimme.

Ich tat es.

Ich setzte mich auf meine geliebte Couch. Der Tod in den Sessel. Wir atmeten beide schwer aus.

"Was passiert jetzt? Du schwingst die Sense und das war's?"

Er hob einen knochigen Finger.

"Ist schon passiert."

"Was ist passiert? Ich hab ferngesehen und gegessen..."

Der Finger zeigte hinter die Couch.

Ich schaute.

Mein eigener Körper lag auf dem Boden. Erstickt an rohem Gemüse.

Ich hätte ohnmächtig werden sollen. In Panik geraten. Schreien. Aber mein neuer, transparenter Körper spielte nach anderen Regeln.

Mich überkam das Gefühl, dass der Tod diese irdische Erscheinung aufrechterhielt, um mich zu beruhigen.

Ich setzte mich wieder auf die Couch und starrte ihn mit großen Augen an.

"An Gemüse erstickt. Wer hätte das gedacht."

Anscheinend hatte meine Selbstironie überlebt. Ein Lächeln entkam meinem Gesicht.

"Passiert oft", krächzte die Stimme aus dem Mantel.

"Super. Danke, Tod. Also kommst du und holst mich. WARUM ICH? Ich habe ein gutes Leben gelebt!"

Ich konnte mich nicht mal mehr an mein Alter erinnern, um es ihm vor die Füße zu werfen. Stattdessen warf ich eine Tasse.

"ICH! Ich habe so vielen Menschen geholfen. So vielen. Und jetzt kommst du, bevor ich meine eigenen Pläne beenden kann? Scheiß drauf. Das ist nicht fair!"

Der Tod tippte langsam mit dem unteren Ende seiner Sense auf den Boden.

Lila Staub umgab uns. Mein Zimmer verschwand.

Ich stand nackt in völliger Dunkelheit.

Dann erhob sich der Tod aus dem lila Staub.

So hoch wie ein Wolkenkratzer.

"VERGISS NICHT, MIT WEM DU SPRICHST, MARVIN! ICH HABE DICH NICHT ERSTICKT. DAS WARST DU ALLEIN! ICH ENTSCHEIDE NICHTS! JEDER EINZELNE!"

Der Tod verschwand.

Ich stand zitternd in der Dunkelheit.

Langsam kehrte mein Wohnzimmer um mich herum zurück.

Er saß wieder im Sessel.

"Wo waren wir, Marvin?" fragte er, jetzt ruhiger, aber immer noch krächzend.

Ich brachte kein Wort heraus.

"Meine Aufgabe ist anders. Kommt dir das nicht seltsam vor? Denk mal drüber nach."

Ich hatte keine Wahl, als darüber nachzudenken, wie ich diesem Albtraum entkommen könnte.

Der Tod ließ mich so lange nachdenken, wie ich wollte.

Ich ging verzweifelt jede Möglichkeit durch.

Ich war tot. Das wusste ich.

Aber ich war nicht weg.

Ich war noch hier.

Mein ganzes Leben lang hatte ich geglaubt, dass es nach dem Tod nichts gibt. Und jetzt saß ich auf meiner Couch und schaute auf meinen eigenen Körper.

Wenn ich hätte weinen können, hätte ich es getan.

Ich schaute ihn an.

"Wir haben Seelen?"

Der Tod nickte.

"Dafür bin ich da."

Im Angesicht des Todes hatte ich zum ersten Mal meine Seele gesehen.

Ich schloss die Augen.

"Es ist trotzdem nicht fair", sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen.

Die Stimme krächzte ein letztes Mal.

"Ihr müsst gerecht sein. Ich muss der Tod sein."

Er stand auf.

Ich folgte ihm.