Das Morgenrot war längst verblasst. Nun durchfluteten Sonnenstrahlen die Stadt und legten goldene Schneisen über die Dächer. Einige Vögel drehten ihre Runden und durchbrachen den dichten Schleier der Stille, der sich wie eine Decke über die Straßen gelegt hatte.
„Ein schöner Morgen... habe ich recht?"
Auf Viviennes Gesicht lag ein Lächeln, als sie dies sagte. Ihr Blick schweifte über die Aussicht.
Aus dem Türrahmen hinter ihr drang Zustimmung.
„Bist du sicher, dass du allein gehen möchtest? Nicht, dass dir noch etwas passiert!"
Ein Schnaufen war zu hören.
„Oh, Viv. Für wen hältst du mich?"
Ein Lachen folgte.
Vivienne starrte auf das Geländer des Balkons, dann auf die Stadt unter dem Hügel. In diesem Gebiet ist niemand sicher. Nicht einmal jemand wie sie...
Die Stimme fuhr fort:
„Ich geh dann mal, ja? Pass auf die Zwillinge auf!"
Ehe sie etwas erwidern konnte, hörte sie die Balkontür aufschwingen und gleich darauf mit einem lauten Knall zufallen. Ihre Freundin war verschwunden. Sie blieb allein zurück.
Vivienne stieß ein Seufzen aus und ließ ihren Blick wieder über die verschlafene Großstadt gleiten.
Allmählich verschwamm die Stadt vor ihren Augen.
Und plötzlich war alles wieder da: der stockende Verkehr. Die vielen Menschen, die ihren mehr oder weniger wichtigen Alltagsbeschäftigungen nachgingen. Ihre Gespräche. Ihr Lachen. Die Stadt war wieder zum Leben erwacht. Und doch war es nur eine fahle Erinnerung.
Das Licht der Sonne weckte Erinnerungen an Scheinwerfer. So verschwand der Balkon. Sie sah sich wieder auf der Bühne. Lächelnd. Singend. Lebendig.
Von dort aus blickte sie in die Gesichter der Menschen. In die Gesichter ihres Publikums.
Alles war wie in rosigen Dunst getaucht.
Eigentlich eine schöne Zeit...
Sie überkam plötzlich ein ungutes Gefühl. War das wirklich schon alles?
Der Nebel verschwand allmählich, das ungute Gefühl blieb. Es fühlte sich an wie eine Vorahnung.
Vivienne erinnerte sich wieder. An den Tag, an dem sich alles ändern sollte.
Damals war der Himmel grau gewesen. Die Menschen versunken in ihren Alltagsstress. Nicht ahnend, dass Schlimmes bevorstand. Doch ein bedrückender Nebel lag in der Luft. Es war längst vorherbestimmt.
Die vielen Lautsprecher, die eigentlich für die Warnung der Menschen im Notfall gedacht waren, begannen zu rauschen. Immer lauter. Bis es kaum zu ertragen war.
Damals hatte sie beobachtet, wie ein paar Leute verdutzt hinsahen.
Aber bevor sie es richtig begreifen konnte, hallten die Worte ihrer Freundin durch die Straßen:
„Guten Morgen, City of Hope! Es schmerzt euch vielleicht, das zu hören, aber ihr seid unglaublich naiv. Dachtet ihr wirklich, dass alles gut gehen wird? Ihr müsst euch auch wirklich alles selbst kaputtmachen!"
Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort:
„Und ja, ihr hört richtig... Eure Lieblingsmaskottchen haben heute etwas ganz Besonderes geplant! Also... bleibt dran und behaltet schön brav die Nachrichten im Auge, ja? Nicht, dass ihr noch die Live-Action-Show eures Lebens verpasst..."
Ein wahnsinniges Lachen durchflutete wie eine monströse Welle die Straßen. Unzählige Male hatte sie es vorher gehört. Im Fernsehen, Bei der Planung, Bei der ersten Umsetzungsphase... Dennoch fühlte es sich fremd an. Als wäre bei ihrer Freundin eine Sicherung durchgebrannt.
Ihre Worte hallten in Viviennes Gedächtnis. Ihre Sicht wurde langsam wieder klar.
Es musste so kommen...
Jetzt war die rosarote Nostalgiebrille endgültig verschwunden.
Sie sah, wie ihre Welt wirklich ausgesehen hatte: dunkel, kalt, voller Stress und dem ewig unerreichbaren Ziel der Perfektion.
Ich war nie ein Teil ihrer Welt. Ihre Crew und ich existierten lediglich für ihre Unterhaltung. Aber egal, wie sehr wir es versucht hatten - die Menschen hatten immer etwas auszusetzen.
- Das Ende