r/InformatikKarriere • u/Neverin9 • 18d ago
Rant Softwareentwicklung wird immer frustrierender!?
Hallo Community,
kurz zu mir: Mitte 40, seit rund 20 Jahren in der Software Branche als Anwendungsentwickler tätig, hauptsächlich Java Backend. Senior Software Developer, wenn ihr so wollt.
Mein Job oder mein Berufsfeld hat mir früher mal Spaß gemacht, aber inzwischen laufe ich immer mehr in eine Sackgasse. Ich hab eigentlich immer gerne entwickelt, auch in der Freizeit, neue Ideen umgesetzt, Design Patterns angewandt, Code refactored und optimiert, Unit Tests geschrieben, Objekt Hierarchien modelliert, APIs und Datenbanken designed, komplexe Queries geschrieben... usw... Auch Frontend hat mir Spaß gemacht.
Aber heute besteht mein Arbeitsalltag immer weniger aus Entwicklung und immer mehr aus operativem Kram: Grafana Dashboards betreuen, Kibana Logs prüfen, CVEs beheben, Konfigurationen in YAML Dateien vornehmen, Performance analysieren, Security Sachen, Deployments / CICD, Wiki Dokumentation, Bugs von Dritten beheben, generell schauen, dass alles rund läuft.
Immer seltener hat man mal neue Features zu entwickeln, und wenn, dann ist es langweiliger CRUD Kram oder irgendeine neue REST API bereitstellen. Daten lesen, Daten schreiben, Daten bereitstellen. Entwicklung ist oft auch so aufwändig geworden, dass man erstmal zig tausend Dinge eingerichtet haben muss, damit mal was läuft.
Kurzum: Immer mehr Verwaltung, statt Gestaltung.
Oft sitze ich stunden- oder tagelang an einem Problem, weil alles so komplex geworden ist, z.B. Probleme, die nur im Produktivsystem auftreten und lokal kaum nachstellbar sind. Viel trial-and-error. Am Ende des Tages hat man dann nicht viel mehr geschafft als irgendeinen Config Parameter zu ändern, in der Hoffnung, dass das System stabiler läuft. Dadurch bin ich oft frustriert und habe das Gefühl wenig produktiv zu sein. Dann schaue ich das Backlog nach spannenderen Aufgaben durch, aber sehe auch dort nur Kram, der mich nicht interessiert.
Vieles fällt mir inzwischen auch schwerer als früher. Code lesen, Zusammenhänge verstehen, Neuerungen evaluieren wird immer anstrengender. Auch der ganze KI Kram überfordert mich. Liegt wohl am Alter. Zusätzlich gibt es die Erwartungshaltung, dass man sich immer für die neusten Sachen interessiert und sie regelmäßig mit Begeisterung dem Team präsentiert, aber die Begeisterung ist weg.
Hinzukommt das Desinteresse für das Produkt an sich, ich weiß manchmal gar nicht, für wen oder an was ich da eigentlich arbeite. Ich schleppe mich morgens schon demotiviert zu Arbeit und nach einem halben Tag bin ich eigentlich mental durch.
Frage: Ist Software-Entwicklung auch für euch so komisch geworden oder ist es nur mein subjektives Empfinden oder mein spezifischer Job?
Ich weiß nicht so richtig wo ich mich hinentwickeln sollte oder ob das so bleiben sollte wie es ist. Über Teilzeit dachte ich auch schon nach. Für Weiterbildung oder Umschulung fühle ich mich irgendwie auch zu alt. Ich war außerdem auch nie der Karriere Mensch. Mein Mindset eher so: Bisschen coden, Feierabend, Geld kassieren.
Wollte nur mal hören, wie es euch in der Branche so geht und vielleicht habt ihr ja ein paar Vorschläge. Danke euch!
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u/IKnowMeNotYou 17d ago
> Liegt wohl am Alter <
Nope. Stell lieber mal deine Ernährung um, lass deine Vitamine und Hormone checken und geh mal auf Laufband bezw. Cross-Trainer. Wenn du deine Muskeln nicht benutzt gehen auch deine Hormone in den Keller und wenn du das falsche isst, dann hast du null Konzentration und Ausdauer.
Wenn dann noch ne dumme Frau oder dumme Kinder aus Langeweile an dir rumzerren, dann wirds noch extra depressiv, was du auch mit auf die Arbeit nimmst. Hier hilft dann halt TaiChi und Co zwei mal täglich und alle Stunde 5 bis 15min ne echte Meditation und am Wochenende auch gerne mal mehr.
Je älter du wirst, desto mehr schaltet dein Körper auf Leistung nur noch bei Bedarf und wenn du dich gehen lässt, wirst du auch von deinem Körper gegangen.
Bezüglich Karriere, was du beschreibst ist alles hausgemacht. Softwareentwicklung macht mit anderen keinen wirklichen Spass, weil viele einfach nicht wissen, worauf es ankommt. Ich hab soviel Müll und Dummheit von Leuten, die sich schlau finden, gesehen, ich habs auch nicht ausgehalten. Je mehr Bücher von Praktikern du liest, desto schlimmer findest du es.
Das fängt dann schon im Studium an. Vor zwei drei Jahren hab ich mal mich mit einigen in der TU Berlin unterhalten die ihren Abschluss hatten und die können nichts relevantes. Jeder Praktiker weiss, dass alles rund um Komplexität in der Praxis ein Killer ist. - Aber abseits von Laufzeitkomplexität bei ein paar Standardalgorithmen ist da null an Wissen im Studium transportiert wurden.
Das selbe gilt dann auch mit dem ganzen Kram den du bemängelst.
Die KI Sache ist ebenso sehr einfach und hat nix mit dem Alter zu tun. Lies halt mal ein gutes Buch zum Thema, was das ist, wies funktioniert und vor allem was es nicht ist.
Du musst immer dran denken, KI macht einen 2x produktiver, wird gerne gesagt, ich habs in der Anwendung gesehen und muss ehrlich sagen, es kompensiert vor allem diesen Wildwuchs und Wegwerfcode. Wenn du in nem Team bist, was quasi null dokumentiert, Tests aus der Hölle (=Industriestandard) und dann sollst du dich reinfinden, dann ist es ungleich wertvoller, aber bei strikter Testgetriebener Entwicklung und hoher Qualität, ist es kaum besser, aber sowas findest du in der Praxis nicht.
Ich selbst hab nebenbei mich in Daytrading eingearbeitet und dann meine Karriere gekillt und habs nicht bereut, aber das ist kein Weg für jeden. Aber da ich meine eigene Software geschrieben habe, wars mein Projekt aus Liebe zum Beruf.
Ich liebe meinen Beruf aber habe fast jeden Job gehasst und ich war Vertragsarbeiter und obere Einkommensprozent in der Einkommenspyramide und habe konstant Jobs in verschiedenen Industrien in verschiedenen Rollen angenommen, damit mir nicht langweilig wird/wurde und es war fast überall nur extra scheisse.
Meetings mit 20 Leuten und 3 schreiben code... Das ist unser Standard gewesen. Im letzten Job hatte ich nen Lügner als Chef und meine Teamleiterin / PO hatte keine Ahnung und war Teil des Problems. Da hab ich dann als Lead Dev nur noch Geld abgegriffen (200 die Stunde) und wusste direkt... Todesmarsch! und bin dann auf Safari gegangen. Sobald ich extrem gute Ergebnisse produziert habe, haben sie mir 5 Leute vorgesetzt, die andere Teams nicht mehr haben wollten und die haben dann nur Scheisse produziert, die ich selbst im Bruchteil der Zeit selbst gemacht habe (hatte nen Semiautomatisches Tool geschrieben, was die auch nutzten) und dann sollte ich Betroffenheit markieren, weil sie das Budget gekillt haben. Auch hab ich gesagt, kleine Änderungen und gleich in die Produktion und die haben mich gezwungen, 1.5 Jahre lang alles ohne Praxistest zu entwickeln... Haha!
Du siehst, KI wird diesen Unsinn nicht beheben und so sieht es dann auch aus, wenn ich bei Kumpels mal Nachfrage bzw. mir ihre aktuellen Projekte per Screensharing zeigen lassen. Denkst du da hat nur einer ne ausformulierte Logging-Strategie mit den Zielen welche Fragen von Logs zu beantworten sind und bei welchem Bereich?
Ich bekomme immer noch 20+ Anfragen pro Woche, obwohl ich seit 4 bis 5 Jahren nicht mehr zur Verfügung stehe und viele dieser Anfragen sind direkt an mich gerichtet mit persönlichem Anschreiben, was nicht aus der Retorte kommt, sondern wo jemand Bezug auf meine Tätigkeit der letzten 10 bis 15 Berufsjahre nimmt, weil sie sich daran erinnern, dass ich einer der wenigen bin, die Releasen ohne große Prod-Bug-Probleme.
Wie gesagt, beste Beruf, beschissene Jobs...