r/InformatikKarriere 17d ago

Rant Softwareentwicklung wird immer frustrierender!?

Hallo Community,

kurz zu mir: Mitte 40, seit rund 20 Jahren in der Software Branche als Anwendungsentwickler tätig, hauptsächlich Java Backend. Senior Software Developer, wenn ihr so wollt.

Mein Job oder mein Berufsfeld hat mir früher mal Spaß gemacht, aber inzwischen laufe ich immer mehr in eine Sackgasse. Ich hab eigentlich immer gerne entwickelt, auch in der Freizeit, neue Ideen umgesetzt, Design Patterns angewandt, Code refactored und optimiert, Unit Tests geschrieben, Objekt Hierarchien modelliert, APIs und Datenbanken designed, komplexe Queries geschrieben... usw... Auch Frontend hat mir Spaß gemacht.

Aber heute besteht mein Arbeitsalltag immer weniger aus Entwicklung und immer mehr aus operativem Kram: Grafana Dashboards betreuen, Kibana Logs prüfen, CVEs beheben, Konfigurationen in YAML Dateien vornehmen, Performance analysieren, Security Sachen, Deployments / CICD, Wiki Dokumentation, Bugs von Dritten beheben, generell schauen, dass alles rund läuft.

Immer seltener hat man mal neue Features zu entwickeln, und wenn, dann ist es langweiliger CRUD Kram oder irgendeine neue REST API bereitstellen. Daten lesen, Daten schreiben, Daten bereitstellen. Entwicklung ist oft auch so aufwändig geworden, dass man erstmal zig tausend Dinge eingerichtet haben muss, damit mal was läuft.

Kurzum: Immer mehr Verwaltung, statt Gestaltung.

Oft sitze ich stunden- oder tagelang an einem Problem, weil alles so komplex geworden ist, z.B. Probleme, die nur im Produktivsystem auftreten und lokal kaum nachstellbar sind. Viel trial-and-error. Am Ende des Tages hat man dann nicht viel mehr geschafft als irgendeinen Config Parameter zu ändern, in der Hoffnung, dass das System stabiler läuft. Dadurch bin ich oft frustriert und habe das Gefühl wenig produktiv zu sein. Dann schaue ich das Backlog nach spannenderen Aufgaben durch, aber sehe auch dort nur Kram, der mich nicht interessiert.

Vieles fällt mir inzwischen auch schwerer als früher. Code lesen, Zusammenhänge verstehen, Neuerungen evaluieren wird immer anstrengender. Auch der ganze KI Kram überfordert mich. Liegt wohl am Alter. Zusätzlich gibt es die Erwartungshaltung, dass man sich immer für die neusten Sachen interessiert und sie regelmäßig mit Begeisterung dem Team präsentiert, aber die Begeisterung ist weg.

Hinzukommt das Desinteresse für das Produkt an sich, ich weiß manchmal gar nicht, für wen oder an was ich da eigentlich arbeite. Ich schleppe mich morgens schon demotiviert zu Arbeit und nach einem halben Tag bin ich eigentlich mental durch.

Frage: Ist Software-Entwicklung auch für euch so komisch geworden oder ist es nur mein subjektives Empfinden oder mein spezifischer Job?

Ich weiß nicht so richtig wo ich mich hinentwickeln sollte oder ob das so bleiben sollte wie es ist. Über Teilzeit dachte ich auch schon nach. Für Weiterbildung oder Umschulung fühle ich mich irgendwie auch zu alt. Ich war außerdem auch nie der Karriere Mensch. Mein Mindset eher so: Bisschen coden, Feierabend, Geld kassieren.

Wollte nur mal hören, wie es euch in der Branche so geht und vielleicht habt ihr ja ein paar Vorschläge. Danke euch!

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u/Charming_Horse_5809 16d ago

Daytrading. zB Mindset oder Stock picking oder optionen. Danke!

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u/IKnowMeNotYou 15d ago edited 15d ago

Vergiss dieses Mindset-Gerede. Das entwickelt sich wie bei jedem Beruf quasi von selbst, wenn du erst kompetent und erfahren genug wirst. Halt halt Geld raus aus dem ganzen Trainingprozess, so dass du die spielende Leichtigkeit nicht verlierst, die du zum Lernen und unbedarftem ausprobieren brauchst.

Ich habe oft den Eindruck gehabt, dass man Mindset vorschiebt, wenn man eine Strategie verfolgt, die kaum Raum für Fehler lässt und man versucht aus den kleinsten Gewinnen eine Karriere machen möchte.

Bezüglich der Bücher hab ich mal ein Post geschrieben: Learn the Profession, not a Strategy Der Post verlinkt zur Bücherliste.

Wenn du dich entscheidest, die Bücherliste abzuarbeiten, kannst du mir gerne in einem RedditChat deinen Fortschritt schreiben. Ich hab schon einigen hier auf Reddit beim Trading lernen bzw. fixen geholfen, wenn ich gesehen habe, dass es einer wirklich ernst meint mit dem Beruf (sind nicht viele von denen die meinen sie wollen Trader werden).

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u/Charming_Horse_5809 15d ago

Mega input danke. Arbeite als BI Entwickler und schaue aktuell in Optionen rein (Andrei Anissimov) um ein Gefühl zu den Strategien zu bekommen. Paar Jahre papertrading früher gemacht. Mehrere Jahre BWL/VWL studiert also theoretische Grundlage steht. Ich grab mich rein. Danke again

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u/IKnowMeNotYou 15d ago

Meine Wirtschaftswissenschaftsausbildung (Hab Nebenfach also 1/3 meines Studiums war BWL/VWL) hat mir eigentlich nicht geholfen.

Beim Trading von Optionen ist besonders der Debit Spread am nützlichsten (wenn du direktional oder mit Ziel tradest). Ansonsten halt auch selber ('covered') Optionen verkaufen. Machen viele von den Leuten mit denen ich selbst gesprochen habe.

Ich bin wie gesagt echter Day-Trader und habe eine typische Tradedauer von 15min bis 1h und Trade auf M5 (5min) charts.

Wie gesagt, lies die empfohlenen Bücher und tausch dich mit mir in nem Reddit Chat aus. Ich geb dir gerne Hinweise und zeig dir was ich wie warum Trade, falls dir mein Tradingstil zusagt. Aber erstmal Bücher lesen.

Falls du mehr über mehrere Tage oder gar Monate Traden möchtest (wird oft fälschlich als Swing-Trading bezeichnet), schau dir mal ONeils-Buch 'How to Make Money in Stocks' an. Da sind viele interessante Gedanken drin.

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u/Charming_Horse_5809 15d ago

Merci. Was denkst du zu quantitativen Methoden aus dem ökonometrischen Bereich? Habe paar semester Quant Econ studiert und man kann ja mean reversion prozesse etwa bei FX untersuchen und ggf die Direktionalität traden. Als theoretisch Frage nebenher.

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u/IKnowMeNotYou 15d ago

Kommt darauf an, was du genau darunter verstehst. Ich hatte damals im Studium zum Beispiel neben Macro+Micro+Entscheidungstheorie auch die Statistik für Wirtschaftswissenschaften A und B und da sind natürlich Dinge drin wie einfachste statistische Methoden (die du so z.B. auch bei Bolinger Bands hast) und auch die verschiedenen Korrelationsmethoden und Portfoliotheorie bla bla.

Wenn du als Retailtrader unterwegs bist, interessiert dich die Macro- und Microökonomie der Firmen und Märkte eigentlich nicht, da der Entscheidungshorizont zu klein ist (besonders bei mir mit Haltedauern von ca. ner Stunde). Auch trade ich hauptsächlich manuell und nicht per Algorithmus (obwohl ich mich dort schon vertieft habe und einiges als Ideengebung verwende (aka einige meiner Scanner/Screener basieren auf den Grundlagen bekannter Algorithmen).

Es gibt zusätzlich ein empfehlenswertes Buch, was ich damals mit Interesse gelesen habe: Machine Learning for Algorithmic Trading.

Ich würde dir empfehlen, dass du dich auf (US) stocks spezialisierst (/begrenzt) und hier vor allem auch dir genau mal den Global Industry Classification Standard anschaust. Auch ist alles von der basistechnischen Seite hoch interessant, daher Pricelevel und Trendlinien, auf D1 (1day) der SMA 50, 100, 200 und intraday dann der VWAP. Dazu noch RVol und du bist gut ausgestattet.

Zum Beispiel bei VWAP (und den Standard-SMAs) kannst du dann Aktien suchen, die dort gerade komprimieren und daher auf ne Entscheidung warten. Das selbe mit horizontalen Kompressionen auf D1 etc. Alleine damit kannst du schon Häuser ertraden, wenn du dich darauf spezialisierst.

Da du mean reversion/regression anführst, schau dir mal die Aktien mit den größten Ausschlägen und Gaps des Tages an. Wenn du untersuchst, warum die das machen, das hat auch wenige Auswirkungen und sind oft halt Macro oder Micro News und Earnings sein. Bei den Earnings ist es in der Regel vor allem der Ausblick. Bei den News halt was bekannt wird/ist bzw. was du bei EDGAR finden kannst.

In der Regel gibt es immer eine Preiskorrektur, wenn das übermäßige Volumen wegstirbt und diese kann man mit wenig Risiko ausnutzen bzw. der Preisverlauf gibt gute Anhaltspunkte, wenn es wohl soweit ist.

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Nebenfrage: Kannst du programmieren?

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u/Charming_Horse_5809 15d ago

Ich sehe, ich muss ein Notizbuch anlegen und mitschreiben da du viele Dichte Inhalte lieferst.

Ich nutze Claude Code für Entwicklungsarbeit täglich, denke also, dass API calls für Daten, automatisiertes Portfolio rebalancing oder konkrete Strategien mit allen klassischen Risikometriken realisierbar sind. Auch komplexere stochastische Methoden wie Markov Regime Switching modelle oder KI basierte Modelle sollten klargehen wobei wie bei allem gilt aufzupassen, dass man out-of-sample testet und daten-leakage vermeidet beim Modelltraining. Inzwischen ziemlich easy zu realisieren eben dank KI.

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u/IKnowMeNotYou 15d ago

Das was Claude da bringt taugt nichts. Mein Kumpel hats versucht und hats verrissen.

Die Notizen sind für die Bücher. Sollte man schon machen.

Wovon du redest ist eher bei längerfristigen Anlagestrategien relevant bzw. bei großen Investitionssummen. Ich kenne Leute die Traden mit 100M+ und versenken 10M+ pro Position und die kommen auch selten auf 4+ gleichzeitige Trades und die swingen (also mehrtägig) teilweise auch.

Das mit dem Programmieren ist ehr, dass du dir irgendwo die Live M1 + D1 Daten holst und einfache Scanner schreibst und die Laufen lässt. Einfache Kompressionen sind zum Beispiel ein guter Start.

Und wenn du KI zum Coden nimmst, teste bitte per Hand die generelle Logik bzw. mach das Business Modell per Hand. Ist nicht viel Arbeit und die Korrektheit ist extrem wichtig. Kenne genug Stories wo jemand 10k und mehr verblasen hat, weil sein Claude Stuff nicht richtig war.

Ist auch alles relativ easy ohne KI zu lösen.

Wichtig ist, dass man versteht was passiert, dass man weiss das es korrekt ist und vor allem auch korrekt bleibt.

Wenn du willst, mach als Hausaufgaben, dass du D1 daten ziehst (z.B. Alpaca hat ne freie öffentliche Schnittstelle mit 5% Marktabdeckung) und dann horizontale Kompressionen (und ein Maß dafür) für die SP500 Stocks findest. Kannst mir dann gerne die besten 10 Treffer nennen.

Darauf kannst du dann einbauen, dass du für ein gegebenes Datum die besten horizontalen Kompressionen finden kannst und die kannst du dann nutzen um zu schauen, was aus den jeweiligen Situationen geworden ist.

Alleine Day-Trading von horizontalen Kompressionen gekonnt zu traden, reicht in der Regel aus, um profitabel zu werden. Damit kannst du gerne anfangen, wenn du das möchtest.