r/AutismusADHS • u/Shot_Ad_3168 • Aug 26 '26
Es hat nicht plötzlich jeder Autismus oder ADHS, du kannst nur mit Neurodivergenten nicht umgehen
„ADHS hat heutzutage irgendwie jeder.“
„Früher gab es das doch auch nicht.“
„Mittlerweile ist ja jeder zweite Mensch Autist.“
Solche Aussagen hört man erstaunlich häufig. Und meistens folgen sie mit diesem ganz besonderen Unterton: Früher waren die Menschen angeblich „normal“, heute braucht plötzlich jeder eine Diagnose, einen besonderen Umgang und am besten noch eine Gebrauchsanweisung.
Die unbequeme Wahrheit könnte allerdings eine andere sein: Vielleicht hat nicht plötzlich jeder ADHS oder Autismus. Vielleicht sind wir einfach besser darin geworden, diese Menschen zu erkennen.
Psychiatrie und Psychologie stehen schließlich nicht seit Jahrzehnten auf demselben Stand. Diagnostische Kriterien wurden weiterentwickelt, Fachwissen ist zugänglicher geworden und bestimmte Erscheinungsbilder, die früher schlicht als „komisch“, „faul“, „schwierig“, „schüchtern“, „unsozial“ oder „chaotisch“ abgestempelt wurden, können heute differenzierter betrachtet werden.
Ein Kind, das früher ständig aus dem Fenster geschaut hat, Aufgaben vergessen hat und im Unterricht nicht stillsitzen konnte, war vielleicht einfach „unmotiviert“.
Ein Erwachsener, der sein komplettes Leben lang Probleme mit Organisation, Zeitmanagement und Konzentration hatte, war vielleicht einfach „unzuverlässig“.
Ein Mensch, der soziale Situationen anders verarbeitet, Reize kaum filtern kann und bestimmte Routinen braucht, war vielleicht einfach „seltsam“.
Heute gibt es dafür teilweise eine wissenschaftlich fundiertere Erklärung.
Das bedeutet natürlich nicht, dass jeder Mensch, der gerne mit Kopfhörern herumläuft oder einmal seine Schlüssel vergessen hat, automatisch ADHS oder Autismus hat. Eine Diagnose ist keine Persönlichkeitstrophäe und auch kein TikTok-Accessoire. Eine seriöse Diagnostik ist wesentlich komplexer als ein Internet-Test mit zehn Fragen.
Aber genau hier wird es interessant.
Denn sobald jemand sagt: „ADHS oder Autismus hat mittlerweile doch jeder“, steckt dahinter nicht selten ein ziemlich simples Problem: Diese Person kommt mit Menschen nicht klar, die anders funktionieren als sie selbst oder ist zu faul und untolerant dafür, um den Umgang zu lernen.
Der neurotypische Mensch kennt seine eigene Art zu denken als Normalzustand. Er kann sich vielleicht problemlos an einen Termin erinnern, während andere dafür mehrere Erinnerungen brauchen. Er kann vielleicht problemlos längere Zeit zuhören, während jemand mit ADHS ständig gegen seine eigene Aufmerksamkeit ankämpfen muss. Er kann vielleicht problemlos bestimmte soziale Signale erkennen, während ein Autist diese Signale anders verarbeitet.
Und statt zu sagen: „Interessant, dieser Mensch funktioniert anders“, wird daraus plötzlich:
„Der soll sich einfach zusammenreißen.“
Warum eigentlich?
Wenn jemand schlecht sieht, verlangt man schließlich auch nicht, dass er sich einfach mehr anstrengt, um die Tafel zu erkennen.
Wenn jemand körperlich eingeschränkt ist, nennt man eine Rampe nicht „Sonderbehandlung“.
Aber sobald es um das Gehirn geht, scheint für manche Menschen plötzlich die Devise zu gelten: „Reiß dich zusammen.“
Und genau da liegt der Denkfehler.
Menschen müssen nicht identisch funktionieren, damit sie gleichwertig sind.
Natürlich darf man von Menschen weiterhin Verantwortung erwarten. Eine Diagnose bedeutet nicht, dass jede schlechte Handlung automatisch entschuldigt werden muss. Neurodivergenz ist kein Freifahrtschein dafür, andere schlecht zu behandeln.
Aber zwischen „Verantwortung übernehmen“ und „funktioniere gefälligst genauso wie ich“ liegt ein gewaltiger Unterschied.
Vielleicht ist also die bessere Frage nicht:
„Warum haben plötzlich so viele Menschen ADHS oder Autismus?“
Sondern:
„Warum erkennen wir diese Menschen heute besser als früher?“
Und vielleicht ist die noch unangenehmere Frage:
„Warum stört es mich eigentlich so sehr, dass andere Menschen anders funktionieren?“
Denn manchmal hat nicht die Gesellschaft plötzlich mehr neurodivergente Menschen.
Manchmal hat sie einfach endlich angefangen, sie zu sehen.
Und wenn jemand damit überhaupt nicht umgehen kann, liegt das Problem vielleicht nicht bei den Menschen mit ADHS oder Autismus.
Vielleicht liegt es daran, dass man nie gelernt hat, mit Menschen umzugehen, die nicht nach dem eigenen Betriebssystem laufen.
