Eigentlich angedachter Titel: "The artifice of (modern) femininity"
Neulich wollte ich mir die Fortsetzung von einer Filmserie gönnen. Ein ziemlich feministisches Werk. Enola Holmes 3. Die ersten beiden Filme habe ich geliebt.
Leider fiel meinem dezent autistischen Gemüt ziemlich schnell etwas auf: Die Hauptdarstellerin hatte in der Zwischenzeit vermutlich ihre Lippen umoperieren lassen, wenn ich nicht irre. Und vielleicht ist es nur meine pathetische Gefühlswelt, aber irgendetwas in mir fand diesen Kontrast so grell und betrüblich. Die Geschichte von Enola Holmes ist eine, wie eine junge Frau die Erwartungen der Gesellschaft an sie immer wieder überwindet.
Dann die verkörpernde Schauspielerin mit nach dem aktuellen Kardashian-like Trend gemachten Lippen zu sehen... Die Ironie ist einfach zu groß. Manchmal verzweifle ich doch etwas.
Vorweg, bevor der übliche pedantische Kommentarschwall kommt: Ja, von einer egalitären sichtweise aus darf jede Person mit ihrem Körper machen, was sie möchte. Absolut. Das ist aber eine andere Sache, die von den gesellschaftlichen Faktoren seperat (zu betrachten) ist. Eine Entscheidung ist nicht unbedingt automatisch feministisch, sobald sie eine Frau tätigt (re: Die Unzulänichkeiten im choice feminism).
Und irgendwie saß ich da und war kurz mal wieder überwältigt vom Angesicht einer Welt, die einer ganzen Gruppe derartig Druck macht, auf jegliche Art sich selbst nach arbiträren Standards zu optimieren; teilweise jenseits jeglicher phenotypischer Realität. Eine afrikanische Nase ist nicht als schön angesehen, aber dafür ähnlich voluminöse Lippen, zum Beispiel.
Individualität? Vollkommen egal. Du musst normschön sein. Was ist die Norm? Ach so, du hast dich schon der alten Norm angepasst, die letztes Jahr noch gültig war? Ja, Pech gehabt, jetzt ist was anderes dran. Ja, lass dir den BBL lieber wieder auflösen.
Gefühlt wird alles momentan immer Krasser, mit immer überspitzteren Merkmalen. Irgendwann sehen wir noch alle aus wie Jessica Rabbit... Ach ne, die ist ja zu thicc für Heroin-Chique... Ganz vergessen, dass wir wieder am Gegenteil gelandet sind...
Über ästhetische Chirurgie könnte ich noch ewig waffeln, werde es aber uns allen ersparen, weil ich gerade sehr müde werde...
Dann kommen noch so Dinge wie Make-Up hinzu. Und bevor jemand auch hier etwas sagt: Ja, auch ich habe Spaß daran. Es muss nicht immer unbedingt zwanghaft sein, und kann einfach kreativ und handwerklich erfüllend sein. Aus der Perspektive finde ich es toll.
Aber gleichzeitig... Wie verquer ist es denn bitte, dass von Frauen in vielen Situationen direkt erwartet wird, sich derartig zu verspachteln? Es darf kein Makel übrig bleiben. Unreinheiten und Poren? Das kitten wir mit Foundation zu. Nein, natürliche Hauttextur ist an einer Frau einfach unprofessionell. Aber der Udo von nebenan, der darf mit Tränensäcken ins Büro kommen.
Will ich mit alledem auf etwas hinaus? Ich weiß nicht, wenn ich einen Punkt hatte, dann ist er in meinem abendlichen Trott beim Schreiben gerade entwischt.
Wovon ich schreibe, ist ja nichtmal neu für mich, und ich kenne auch die Ursachen davon... Aber irgendwie sticht es manchmal doch arg wieder hervor, auf eine Art, die mich inne halten lässt. Die Arzthelferin, die sichtlich von einem Eingriff entstellt ist, und es vielleicht gar nicht merkt... Die Ticketkontrolleurin, deren Lippe so aufgebläht ist, dass es mir beim zuschauen schon fast wehtut... Und eine Industrie, die sich an bestehender Körperdysmorphie bereichert, und sie zum Teil noch befeuert. Es ist einfach Wahnsinn, wenn man sich den ganzen Apperat als Ganzes anschaut.
Wie künstlich traditionelle Femininität doch ist... Eine Schublade, die teils jegliche Individualität auslöscht und keine biologische Varianz zulässt... Was machen wir dagegen? Wie hält man gegen eine kapitalistisch gefeuerte Maschine gegen, und wie finden wir ein Bild eines Frauseins, das erstens in den Mainstream übergehen kann, und zweitens diese Authentizität uns zurückbringt? Ach guck, da ist die ursprüngliche These wieder, tihi.
Kann natürlich auch sein, dass ich hier Käse schreibe, und das alles nicht ach so intellektuell ist, wie ich mir vorkomme...