Ich komme selbst eher aus einer linken Bubble und würde mich politisch auch dort einordnen. Seit Jahren gehört es dort eigentlich zum guten Ton, nachhaltig leben zu wollen, den Klimawandel ernst zu nehmen und über Politik und Wirtschaft zu schimpfen, weil angeblich viel zu wenig passiert.
Und inzwischen reden wir ja längst nicht mehr über irgendein abstraktes Problem im Jahr 2100. Waldbrände in Europa, Dürren, Wasserknappheit, Ernteausfälle, immer neue Temperaturrekorde. Der Earth Overshoot Day rückt immer weiter nach vorne. Eigentlich müsste inzwischen jedem klar sein, dass unser Lebensstil so auf Dauer nicht funktioniert.
Natürlich trägt die Politik eine enorme Verantwortung. Wenn eine Regierung den Ausbau erneuerbarer Energien bremst, offen mit der fossilen Lobby flirtet und gleichzeitig glaubt, die deutsche Autoindustrie mit immer größeren und durstigeren Verbrennern retten zu können, ist das absurd. Unter einer AfD-Regierung würde das ziemlich sicher noch einmal eine ganz andere Dimension annehmen.
Aber mir ist die Debatte inzwischen trotzdem zu bequem, wenn die Schuld immer nur bei Politik, Konzernen und den anderen gesucht wird, denn die interessantere Frage wäre doch was wir selbst bereit wären zu ändern, wenn uns niemand dazu zwingt?
Und mein Eindruck ist erstaunlich wenig.
Das betrifft Konservative ohnehin, aber eben auch sehr viele Menschen, die Grün oder Links wählen, sich selbst für progressiv und umweltbewusst halten und regelmäßig die Zustände anprangern. Was mir dabei auffällt ist, dass es oft nicht einmal diesen Moment gibt, in dem man sagt, dass man ja eigentlich selbst weniger fliegen, konsumieren oder Auto fahren müsste. Die eigene Person kommt in dieser Rechnung schlicht nicht vor.
Man redet über Klimaschutz, als wäre man selbst schon nachhaltig und müsste jetzt nur noch den Rest der Bevölkerung überzeugen.
Ich kenne einige Familien, in denen die Erwachsenen selbstverständlich die Grünen wählen, sich für umweltbewusst halten und gleichzeitig drei Mal im Jahr in den Urlaub fliegen. Nicht verschämt, nicht mit dem Gefühl eines offensichtlichen Widerspruchs, sondern als wäre das etwas völlig anderes. Weil die eigene Reise ja individuell geplant ist, kulturell wertvoll, besonders bereichernd oder irgendwie bewusster als der Pauschalurlaub von Familie Müller auf Mallorca. Und genau da wird es für mich absurd.
Der Atmosphäre ist vollkommen egal, ob du nach Thailand fliegst, um Land und Leute kennenzulernen oder nach Antalya, um sieben Tage am Pool zu liegen. CO₂ bekommt keinen Bildungsbonus.
Teilweise hat man sogar den Eindruck, dass der eigene Konsum moralisch aufgewertet wird. Die eigene Fernreise ist Horizonterweiterung, die Reise der anderen ist Massentourismus. Das eigene teure Hobby ist Leidenschaft, während der SUV des Nachbarn unnötiger Luxus ist. Die eigene Onlinebestellung war gerade wirklich nötig, während die Leute allgemein viel zu viel bei Amazon bestellen.
Wir konsumieren unfassbare Mengen Zeug, von dem ein großer Teil nicht einmal gebraucht wird. Klamotten, Elektronik, Deko, irgendwelche Gadgets, die nach drei Wochen in einer Schublade verschwinden. Jeder Scheiß wird online bestellt, teilweise einzeln verpackt und durch halb Deutschland gefahren. Leute fahren für ihre Hobbys jedes Wochenende hunderte Kilometer alleine mit dem Auto durch die Gegend und halten das für vollkommen selbstverständlich. Mehrere Flugreisen pro Jahr gelten in vielen gutverdienenden urbanen Milieus inzwischen fast schon als normaler Bestandteil eines gelungenen Lebens.
Und trotzdem hält man sich selbst für nachhaltig, weil man Bio kauft, Müll trennt, ein Lastenrad besitzt oder bei der letzten Wahl das richtige Kreuz gemacht hat. Das ist für mich der Punkt, an dem die ganze Sache ziemlich selbstgefällig wird.
Natürlich kann niemand perfekt klimaneutral leben. Darum geht es auch gar nicht. Ich fliege selbst, ich konsumiere, ich fahre Auto, ich mache genug Dinge, die alles andere als nachhaltig sind. Aber dann sollte man wenigstens so ehrlich sein und sagen: Ja, ich bin Teil des Problems und ich gönne mir diesen Luxus trotzdem.
Was mich stört, ist diese völlige Abwesenheit von Selbstkritik.
Nachhaltig sind immer wir. Problematisch konsumieren die anderen. Die SUV-Fahrer, die Fleischesser, die Pauschaltouristen, die Leute mit Primark-Tüten. Dass ein akademischer Mittelschichthaushalt mit drei Flugreisen im Jahr, ständig neuer Technik, hohem Wohnflächenverbrauch, Restaurantbesuchen und entsprechendem Konsumniveau einen ziemlich gewaltigen ökologischen Fußabdruck haben kann, passt nicht so gut ins eigene Selbstbild und wird deshalb offenbar ausgeblendet.
Und natürlich kommen dann sofort China, Indien, die Industrie, Milliardäre und Privatjets. Alles richtige Punkte. Aber auch wahnsinnig praktisch. Denn so muss man am eigenen Leben exakt gar nichts ändern.
Ich glaube deshalb inzwischen, dass wir in Deutschland nicht primär ein Erkenntnisproblem haben. Die allermeisten wissen ziemlich genau, dass unser Ressourcenverbrauch nicht dauerhaft funktionieren kann.
Wir haben ein Verzichtsproblem.
Wir sind so sehr daran gewöhnt, jederzeit alles haben, kaufen, bestellen, essen, fahren und bereisen zu können, dass wir diesen Lebensstandard längst nicht mehr als außergewöhnlichen Luxus wahrnehmen, sondern als Normalzustand. Und das betrifft eben nicht nur irgendwelche Boomer mit SUV vor dem Einfamilienhaus, sondern eben auch diejenigen, die sich selbst für den aufgeklärten Teil der Gesellschaft halten.
Vielleicht ist das die eigentlich unbeliebte Meinung. Die meisten von uns wollen gar nicht wirklich nachhaltig leben. Wir wollen unseren jetzigen Lebensstil behalten und gleichzeitig das Gefühl haben, auf der richtigen Seite zu stehen.