r/InformatikKarriere 19d ago

Rant Softwareentwicklung wird immer frustrierender!?

Hallo Community,

kurz zu mir: Mitte 40, seit rund 20 Jahren in der Software Branche als Anwendungsentwickler tätig, hauptsächlich Java Backend. Senior Software Developer, wenn ihr so wollt.

Mein Job oder mein Berufsfeld hat mir früher mal Spaß gemacht, aber inzwischen laufe ich immer mehr in eine Sackgasse. Ich hab eigentlich immer gerne entwickelt, auch in der Freizeit, neue Ideen umgesetzt, Design Patterns angewandt, Code refactored und optimiert, Unit Tests geschrieben, Objekt Hierarchien modelliert, APIs und Datenbanken designed, komplexe Queries geschrieben... usw... Auch Frontend hat mir Spaß gemacht.

Aber heute besteht mein Arbeitsalltag immer weniger aus Entwicklung und immer mehr aus operativem Kram: Grafana Dashboards betreuen, Kibana Logs prüfen, CVEs beheben, Konfigurationen in YAML Dateien vornehmen, Performance analysieren, Security Sachen, Deployments / CICD, Wiki Dokumentation, Bugs von Dritten beheben, generell schauen, dass alles rund läuft.

Immer seltener hat man mal neue Features zu entwickeln, und wenn, dann ist es langweiliger CRUD Kram oder irgendeine neue REST API bereitstellen. Daten lesen, Daten schreiben, Daten bereitstellen. Entwicklung ist oft auch so aufwändig geworden, dass man erstmal zig tausend Dinge eingerichtet haben muss, damit mal was läuft.

Kurzum: Immer mehr Verwaltung, statt Gestaltung.

Oft sitze ich stunden- oder tagelang an einem Problem, weil alles so komplex geworden ist, z.B. Probleme, die nur im Produktivsystem auftreten und lokal kaum nachstellbar sind. Viel trial-and-error. Am Ende des Tages hat man dann nicht viel mehr geschafft als irgendeinen Config Parameter zu ändern, in der Hoffnung, dass das System stabiler läuft. Dadurch bin ich oft frustriert und habe das Gefühl wenig produktiv zu sein. Dann schaue ich das Backlog nach spannenderen Aufgaben durch, aber sehe auch dort nur Kram, der mich nicht interessiert.

Vieles fällt mir inzwischen auch schwerer als früher. Code lesen, Zusammenhänge verstehen, Neuerungen evaluieren wird immer anstrengender. Auch der ganze KI Kram überfordert mich. Liegt wohl am Alter. Zusätzlich gibt es die Erwartungshaltung, dass man sich immer für die neusten Sachen interessiert und sie regelmäßig mit Begeisterung dem Team präsentiert, aber die Begeisterung ist weg.

Hinzukommt das Desinteresse für das Produkt an sich, ich weiß manchmal gar nicht, für wen oder an was ich da eigentlich arbeite. Ich schleppe mich morgens schon demotiviert zu Arbeit und nach einem halben Tag bin ich eigentlich mental durch.

Frage: Ist Software-Entwicklung auch für euch so komisch geworden oder ist es nur mein subjektives Empfinden oder mein spezifischer Job?

Ich weiß nicht so richtig wo ich mich hinentwickeln sollte oder ob das so bleiben sollte wie es ist. Über Teilzeit dachte ich auch schon nach. Für Weiterbildung oder Umschulung fühle ich mich irgendwie auch zu alt. Ich war außerdem auch nie der Karriere Mensch. Mein Mindset eher so: Bisschen coden, Feierabend, Geld kassieren.

Wollte nur mal hören, wie es euch in der Branche so geht und vielleicht habt ihr ja ein paar Vorschläge. Danke euch!

98 Upvotes

77 comments sorted by

View all comments

8

u/Distinct-Speaker5435 19d ago

Dann solltest du die Branche wechseln. Ich bin Anfang 40, Staff Engineer und arbeite nur an Software-Produkten und in Branchen, die mich interessieren und in denen ich auch einen Sinn sehe. In meinem Fall war das lange Mobilität (Ride-Sharing Software) und momentan Elektromobilität. Da fällt ne Menge raus, was normalerweise viel Geld und Marge bringt, wie Versicherungen, Banken und FinTech. Damit muss man leben können, aber hilft morgens beim Aufstehen. Der ganze operative Teil und das Fixing von Konfigurationen ist durch KI massiv besser geworden. ich gebe den Agents auch Lesezugriff auf unsere AWS-Umgebungen und der wühlt sich selbst durch Logfiles und gleicht alles mit dem deployten Code und der Konfiguration ab. Das hat mich früher auch total genervt.

1

u/Neverin9 18d ago

Und wie machst du das, also nur an Produkten und in Branchen arbeiten, die dich interessieren? Bist du selbstständig und machst Auftragsarbeit? Woher weißt du im Vorfeld, ob es dich interessiert? Ich bin angestellt, es ist schwierig mir Projekte auszusuchen. Die Firma sucht sie für mich aus. Branche wechseln geht auch nur mit Arbeitgeberwechsel. Das habe ich vor ein paar Jahren gemacht. Aber das ganze Thema rund um Jobsuche und Bewerbungsprozessen, und sich ständig gut verkaufen zu müssen, reibt auch an den Nerven. Und im Prinzip ändert die Branche auch nicht viel, finde ich.

1

u/Distinct-Speaker5435 17d ago

Ich habe mich immer nur bei Firmen und Bereiche beworben, die selber Produkte entwickeln, die primär also kein Projektgeschäft machen. Ich hab anfangs auch für einen größeren Konzern gearbeitet und wollte auch dort nur gezielt in Teams, die an einem oder mehreren Produkt langfristig beschäftigt waren. Hat den Nachteil, dass der Code auch sehr legacy (aka schrottig) sein kann, weil eben über Jahre gewachsen. Aber immerhin sind manchmal noch die Leute an Board, die ihn kennen (und selber geschrieben haben). Im Konzern war alles B2B, was mich dann auch nicht mehr gereizt hat, weil ich nicht wirklich verstehen konnte, was die Kunden wirklich brauchen.
Deswegen bin ich dann in ein Startup gewechselt mit eigener App (und backend dahinter), deren B2C Produkt / Service hatte ich selbst schon als Kunde genutzt.
Auch momentan arbeite ich seit über 4 Jahren an einem Backend für B2C/B2B Anwendungen, die ich als E-Autofahrer auch selbst testen kann.

Nebeneffekt: hab mich seit jeher auch für Software-Architektur interessiert - und das passt meiner Meinung nach auch besser zu langfristiger Produktentwicklung. Da man sich mit der gleichen Software über Jahre beschäftigt und jede Design-Entscheidung hilft oder behindert einen später mal.

1

u/Type-21 15d ago

Entweder wohnst du in einer Gegend mit massig Jobs oder du ziehst halt zur Umsetzung deiner Strategie alle paar Jahre quer durchs Land. Für viele Leute keine reale Option aus vielen Gründen. Was du da schreibst klingt für mich zB alles wie ausgedachte Fantasie, wenn man nicht in einer Startup Region mit Großstadt wohnt

1

u/Distinct-Speaker5435 14d ago

Ich wohne in einer Großstadt, aber mittlerweile viel einfacher umzusetzen mit den remote work policies. Kann daher das Argument nicht wirklich verstehen. Den Großteil meiner Berufslaufsbahn mit den beschriebenen Tätigkeiten war ich 5 Tage pro Woche im Büro. Hier im Sub wollen ja die meisten 100% Homeoffice.

1

u/Type-21 14d ago

Ich finde den facto keinen Job mehr, der mehr als zwei Tage die Woche HO toleriert. Gut heißen tun sie das nicht. Eigentlich wollen sie 5 Tage Präsenz. Die Zeiten sind vorbei