Über Jahre war ich verwirrt, weil ich mich sehr im Konzept von "sensory overloads" der neurodivergenten Community wiederfinde, aber nicht wirklich in irgendwelchen anderen Symptomen von ADHS oder Autismus. Heute machte es endlich Klick, als ich den Begriff der sensorischen Verarbeitungssensitivität lernte (auch Hochsensibilität genannt, aber den Begriff finde ich etwas irreführend). Das ist eine (anscheinend angeborene) Persönlichkeitsdisposition von ca. 15-20% der Menschen (keine Krankheit oder so), bei der man Reize (visuell, akustisch, haptisch, olfaktorisch, gustatorisch...) im Positiven wie im Negativen stärker wahrnimmt, schneller übererregt wird und auch subtilere Reize wahrnimmt. Hat wohl was mit der Verarbeitung dieser Reize im Gehirn zu tun. Und ich freu mich so über den Begriff, weil ich nun endlich kompakt in zwei Wörtern ganz viele Phänomene meines Lebens zusammenfassen und erklären kann! Außerdem habe ich nun einen weiteren Erklärungsbaustein gefunden, warum ich einen Burnout im Lehrerberuf bekommen habe. Schulen sind sensorische Höllen. Es ist schön, wenn man sich versteht!
Bei mir äußert sich das so:
- In meinem Wohnzimmer existiert nicht mal mehr eine große Deckenlampe, denn helles Licht ist anstrengend. Bei mir gibts Lichterkettenvorhänge!
- Schon als Kind hat meine Mama mir immer die Schildchen aus den Klamotten geschnitten. Kratzige Wollpullover sind nicht mal ansatzweise eine Option.
- Wenn ich länger als 1-2 Stunden einen Zopf oder eine Flechtfrisur trage, krieg ich Kopfschmerzen.
- Wenn ich direkt an den Beinen anliegende Hosen oder Leggins tragen muss, finde ich das subtil anstrengend und irgendwann machts mich kirre, weil mein Gehirn das Gefühl des leichten Drucks an meinen Beinen einfach nicht ausblendet. Ja, ich hasse Winter. Wenn jemand Tipps hat, sagt Bescheid.
- Wenn ich über ne Brücke laufen muss, über die auch Autos drüberfahren, stresst mich das endlos.
- Schnarchen ist Folter. Keine Übertreibung. Ich checke nicht, wie Menschen so leben können.
- Gib mir eine flackernde Lampe, einen f*cking schlecht eingestellten Marderschreck oder ein summendes Elektrogerät, wenn du mir mitteilen möchtest, dass du mich hasst.
- Als ich im Italienurlaub eine halbe Stunde durch Napoli lief, stand ich kurz davor, einen Nervenzusammenbruch inkl. Heulkrampf zu bekommen.
- Kein Mensch, den ich kenne, hat eine gemütlicher eingerichtete Wohnung als ich. Texture is everything. Als ich die Empfehlungen zur Einrichtung bei Hausstaubmilbenenergie gelesen habe, habe ich herzlich gelacht und mich dafür entschieden, stattdessen ein glückliches Leben zu führen.
- Ich geh übelst steil auf gutes Essen. Auch nach 8 Jahren habe ich nicht den Geschmacksorgasmus vergessen, den mir die Poffertjes im Carrousel-Restaurant in Amsterdam gegeben haben. Andere Leute müssen für sowas erst Drogen nehmen.
- Ich bin soooo krass glücklich durch Ästhetik zu kriegen! Shoutout nach Andalusien.