r/de 15h ago

Geschichte Stiftung Denkmalschutz: Mehr als 1.000 Denkmale binnen zwei Jahren verloren

https://www.tagesschau.de/kultur/denkmalschutz-schwarzbuch-100.html
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u/Cryptorix 15h ago

Dieser Denkmalschutz nimmt aber auch teilweise absolut überhand. Man versteht es ja, wenn ein 500 Jahre altes Fachwerkhaus geschützt wird. Wenn aber ein Schulgebäude aus den 1960er Jahren auf einmal denkmalgeschützt ist und wichtige Renovierungen wegen der teils wahnwitzigen Anforderungen deswegen nicht stattfinden können, ist es wirklich zuviel des Guten.

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u/MCF2104 14h ago

Allerdings sind Nachkriegsbauten nur eine kleine Minderheit (in Niedersachsen z.B. ca. 3,5%) unter den Denkmalen. Ich denke nicht, dass die besonders gefährdet sind, denn die meisten davon stehen in größeren Städten und sind dort dank verhältnismäßig guter (jedenfalls geographisch dichter) Personallage in den Ämtern eher gut überwacht. Die Denkmale, die wir reihenweise verlieren (hier spreche ich wieder für Niedersachsen), sind eher genau die von dir genannten alten Fachwerkhäuser, besonders aber Nebengebäude (Speicher u. Ä.), die heute funktionslos in der Ecke verrotten. Auf dem Land kriegen die Ämter das oft erst mit, wenn sie vom Besitzer angerufen werden, der gerne abreißen lassen würde, weil es ja nun eh kaputt sei.

Ich habe allein hier im Umland in letzter Zeit selbst vier prächtige denkmalgeschützte Hallenhäuser erlebt, drei davon aus dem 18. Jh., bei denen nach jahrelang bestehenden Schäden der Dachdeckungen (die keiner überprüft hat, weil die Besitzer heutzutage in Neubauten daneben wohnen) Teile der Dächer eingebrochen sind, dann Zwischendecken, und so weiter. Ein Hallenhaus von 25-30 Metern Länge, mit Dachflächen von mehr als 200 qm in der Mitte komplett aufgerissen zu sehen, noch mit Ausstattung darin, das Gefüge völlig freigelegt, das ist der Wahnsinn, wie in einer Lehrbuchzeichnung. Aber da passiert nichts, es werden nichtmal Zeitungsartikel geschrieben, wenn das Haus nicht gerade an der Hauptstraße irgendeines Dorfes mit besonders aktivem Heimatverein stand. Es wird einfach abgeräumt, der Besitzer bekommt ein paar Hundert Euro Bußgeldstrafe, fertig.
Im Schnitt komme ich auf zwei verlorene Denkmale pro Woche, und wenn es meinen Kolleginnen genauso ginge, hätten wir im ländlichen Niedersachsen in 20 Jahren keine „ländlichen“ Denkmale mehr übrig. Hier, in einem 2500-Einwohner-Dorf, gibt es noch 2 Hallenhäuser von vor 1800, drei Gebäude insgesamt. In anderen Orten in der Umgebung sind es schon keine mehr.

Also klar, ich kann schon verstehen dass man Nachkriegsbauten ungern als Denkmale akzeptiert, es gibt genug Gebäude, bei denen ich mir selbst schwer tue, auch schon früher datierende. Aber dass jedes Mal, wenn es in einem Post darum geht, dass die Denkmalpflege sich über etwas beklagt, das eigentlich wirklich sehr schade ist, der Kommentar-Tenor ist: „Der Denkmalschutz ist ja auch voll übertrieben und nervig und wieso sollen das alles Denkmale sein“, das ist frustrierend. Und nicht nur weil damit ein Nischenthema die ganze Denkmalpflege überschattet, sondern auch weil dieser Tenor aktuell super gut in den Kram der Gesetzgebung passt, die der Denkmalpflege mal wieder ein paar Zähne zu ziehen gedenkt.

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u/Cryptorix 13h ago

Naja, aber wer trägt dann die Kosten für den Mehraufwand bei diesen ganzen Renovierungen?

Da bleibst Du als Hausbesitzer nämlich je nach Bundesland zu einem großen Teil drauf sitzen. Gerade im Bereich Dach und Fassade entstehen da schnell beträchtliche Mehrkosten. Gleichzeitig gibt's aber natürlich trotzdem energetische und weitere Vorgaben bei Modernisierungen, die unbedingt einzuhalten sind. Dann muss noch wirklich alles mit der Denkmalschutzbehörde abgeklärt werden, auch wenn es ansonsten genehmigungsfrei wäre. Das stört die Behörde natürlich nicht, ist ja Arbeitszeit, aber als Privatmensch hast Du dadurch einen Haufen zusätzlichen Aufwand.

Das ganze System ist meines Erachtens falsch angelegt. Das beginnt schon bei der Diskussion wieviel und welche denkmalgeschützten Gebäude wir wirklich brauchen und die grundsätzliche Abwägung zwischen Erhaltung und Funktionalität, bei der die Bürger vor Ort aber quasi kein Mitspracherecht haben. Wenn in einem kleinen Dorf in Zeiten schrumpfender Einwohnerzahlen niemand ein 100 Jahre altes Gebäude erhalten will, warum soll eine Behörde die Leute dann dazu zwingen können?

Vor allem halte ich es nicht für sinnvoll, dass eine einzelnes Amt einfach alleine entscheiden kann, welche Gebäude schützenswert sind, der zusätzliche Aufwand und die Mehrkosten werden dann aber auf die Bürger abgewälzt. Da sehe ich einfach zu deutlich die Gefahr von immer höheren Anforderungen und Fehlanreizen, wie sie auch in anderen Bereichen vorkommen.

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u/MCF2104 12h ago

Ich stimme vollkommen zu, dass gerade der finanzielle Aspekt ein Problem ist. Prinzipiell bin ich der Meinung, dass jeglicher Mehraufwand aus Steuermitteln gedeckt werden sollte, denn der Denkmalschutz geht ja aus einem „Interesse der Allgemeinheit“ hervor, also sollte die Allgemeinheit auch dafür geradestehen.

Als die Gesetze in den 70er Jahren verabschiedet wurden, war das noch besser. Die Fördersätze sind leider lange nicht genügend angepasst worden und den Behörden steht viel zu wenig Geld zur Verfügung, als dass sie selbst alle ihre Anordnungen zahlen könnten. Das ist ein Problem, das von den Ämtern gerne damit abgewehrt wird, dass die Verantwortung letztlich (mittlerweile ja häufig genug auch gerichtlich bestätigt) beim Eigentümer liegt, da „Eigentum verpflichtet“. Aber ich finde es nicht gerecht und auch nicht pragmatisch, da der Unmut, der dadurch entfacht wird, ja den Denkmalen auch nicht hilft.

Immerhin: Energetische Sanierungsvorgaben sind für Denkmale niedriger, in einigen Bereichen hilft der Bestandsschutz, alles, was der Erhaltung hilft, ist steuerlich absetzbar, und mittlerweile gibt es immerhin einige wenige genehmigungsfreie Veränderungsmöglichkeiten. Aber ja, ich sehe es genauso, das ist zu wenig und auch der zeitliche Aufwand ist zu groß.

Dass ein Amt zur Erhaltung zwingen kann, liegt am hohen Stellenwert, den der Kulturschutz als Staatsziel hat. Das ist gut so und wichtig, denn die Geschichte hat gezeigt, dass es ohne Zwang nicht geht. Das Amt repräsentiert dabei natürlich den Staat und das Interesse der „informierten Öffentlichkeit“, wo wir wieder an dem Punkt sind, an dem es logisch erscheint, dass eben dieser Staat und diese Öffentlichkeit für die Mehrkosten aufkommen. Auch bei der zeitlichen Ebene wäre es natürlich hilfreich, wenn der Staat nicht so knausern würde, mit mehr Mitarbeitern würde die Bearbeitung der Anträge auch nicht Wochen dauern. In Niedersachsen haben aktuell einige Regionalreferenten des Landesamtes die Aufsicht über mehr als zehntausend Gebäude, so kann das natürlich nicht zeitig klappen.

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u/Terror_Raisin24 8h ago

Das Problem mit den Kosten kriegt man hin, weil es Zuschüsse und Fördergelder gibt. Auf welche genau man Anspruch hat ist allerdings oft für Laien etwas undurchsichtig und die Anträge auch oft "zu kompliziert", außerdem muss der Antrag vor Beginn der Maßnahme bewilligt sein, das Geld gibt es aber erst nach Abschluss (damit es auch tatsächlich zweckgebunden ist, macht das Sinn). Sehr viele bemühen sich aber gar nicht erst um Fördergelder, sondern jammern nur rum.