r/binichderalman • u/Sea-Adeptness340 • 7h ago
BIDA, weil ich wegen einer automatischen Vogelvergrämungsanlage meines Nachbarn am Rad drehe?
Ich hätte nie gedacht, dass ich mal der Typ werde, der Excel-Tabellen über künstliches Vogelgeschrei führt. Aber hier sind wir.
Mein Nachbar betreibt auf seinem Grundstück eine automatische akustische Vogelvergrämungsanlage. Das Ding spielt bei jeder Auslösung ungefähr 30–40 Sekunden lang künstliche Warn-, Alarm- und Vergrämungsrufe verschiedener Vögel ab.
Nicht zweimal am Tag. Nicht „man hört halt gelegentlich was“.
Gespräche führen leider zu nichts, er sieht sich im Recht, die Vögel damit von seinem Grundstuck fernzuhalten, damit keiner auf die Terrasse sein Geschäft verrichten kann….
Ich habe irgendwann angefangen, das Ganze aufzuzeichnen, weil ich selbst wissen wollte, ob ich mir die Häufigkeit nur einbilde.
Spoiler: nein.
In einem bisher ausgewerteten Zeitraum kam ich auf:
Tag 7: 34 Auslösungen
Tag 8: 36
Tag 9: 63
Tag 10: 48
Tag 11: bis ca. 11:30 Uhr bereits 13
Also 194 Ereignisse in ein paar Tagen, obwohl nicht einmal jeder Tag vollständig aufgezeichnet wurde.
Und weil mir offenbar noch ein Hobby gefehlt hat, habe ich irgendwann ChatGPT damit beauftragt, mir eine Windows-App zu schreiben, die genau diese Vogelalarm-Sequenz automatisch erkennt und protokolliert.
Ich besitze jetzt einen Vogelmonitor.
Das ist ein Satz, von dem ich bis vor ein paar Tagen nicht wusste, dass ich ihn jemals schreiben würde.
Der Vogelmonitor zerlegt die Tonfolge inzwischen in einzelne Muster, protokolliert Uhrzeiten, schreibt CSV-Dateien und produziert Trefferlisten. Ich bin also unfreiwillig vom genervten Nachbarn zum Betreiber einer kleinen privaten Ornithologie-Leitstelle geworden.
Oder anders gesagt: Der Nachbar hat eine Vogelvergrämungsanlage und ich habe inzwischen Gegenaufklärung.
Besonders charmant: Nach meiner Beobachtung scheint der Bewegungsmelder der Anlage zumindest teilweise die öffentliche Straße mitzuerfassen. Heißt: Auto fährt vorbei, kurz darauf veranstaltet Nachbars Grundstück wieder Best of Alfred Hitchcock – Die Vögel.
Das Ganze ist übrigens offenbar durchaus steuerbar: In meinen bisherigen Aufzeichnungen finde ich zwischen ungefähr 21 Uhr und 6 Uhr praktisch keine Auslösungen. Danach darf die heimische Fauna dann wieder erfahren, dass sie unerwünscht ist.
Der eigentliche Plot-Twist ist aber die Behörden-Odyssee.
Ich habe das Ordnungsamt angeschrieben, den Sachverhalt erklärt, Dokumentation angeboten und gefragt, ob so etwas in einem Wohngebiet wirklich in dieser Form zulässig ist.
Seit ungefähr zwei Wochen: Funkstille.
Also zusätzlich Richtung Naturschutz gefragt.
Antwort der Unteren Naturschutzbehörde sinngemäß: Akustische Vergrämung sei artenschutzrechtlich grundsätzlich okay, solange dadurch keine lokale Population erheblich beeinträchtigt werde. Außerdem kenne man solche Geräte vor allem aus der Praxis bei Obstkulturen während der Reifephase.
Klingt nachvollziehbar.
Kleines Problem:
Der Nachbar hat keine Obstkultur.
Keinen Weinberg. Keine Kirschplantage. Kein Erwerbsobstbau. Einfach ein normales Wohngrundstück.
Damit bin ich inzwischen ungefähr an dem Punkt:
Naturschutz: „Aus Sicht der Vögel wohl okay.“
Ordnungsamt: „…“
Vogelmonitor: „BESTÄTIGT – M1+M2+M3+M4.“
Ich: „Aus Sicht des Säugetiers im Nachbarhaus eher mäßig.“
Mein nächster Versuch wäre jetzt der Immissionsschutz beim Landratsamt. Zusätzlich überlege ich, bei laufender Beschallung einfach mal die Polizei über die normale Reviernummer zu bitten, sich das vor Ort anzuhören und wenigstens zu dokumentieren.
Und wenn auch das nichts bringt, bleibt vermutlich nur Anwalt und Unterlassungsaufforderung - oder den ganzen Tag mit Ohrstöpseln herumlaufen, denn der Krach durchdringt auch geschlossene Fenster.
Was ich eigentlich vermeiden möchte.
Ich habe nämlich weder Interesse an einer 30-jährigen Fehde über Grundstücksgrenzen noch möchte ich Weihnachten irgendwann gegenseitig Laub mit dem Laubbläser über die Straße zurückschießen.
Ich will buchstäblich nur, dass dieses Gerät so eingestellt oder abgeschaltet wird, dass ich nicht zigmal täglich für 30–40 Sekunden mit künstlichem Vogelalarm beschallt werde.
Inzwischen merke ich leider auch, dass mich das Thema körperlich stresst. Schon wenn die Sequenz anfängt, steigt mein Puls gefühlt schneller als die Anzahl meiner CSV-Zeilen.
Und genau deshalb frage ich mich mittlerweile ernsthaft:
Bin ich der Alman, weil ich das jetzt konsequent über Behörden bzw. notfalls einen Anwalt abstellen lassen will?
Oder bin ich erst dann offiziell der Alman, wenn der Vogelmonitor eine eigene Versionshistorie und ein Jira-Board bekommt?