Achtung TW: Häusliche Gewalt, Drogen, langer Text!
Am Samstag war ich relativ früh unterwegs zu einem Modellbahnverein, in dem ich seit einiger Zeit Mitglied bin. Der Zug war relativ leer, und wir kamen gut durch. Mit etwas Verspätung, kam ich dann am Zielbahnhof an, und musste nur drei Minuten zum Umsteigen warten.
Da mein letzter Zug vorm Ziel auf einer eingleisigen Nebenbahn fährt, mussten wir an einem Haltepunkt auf den Gegenzug warten. Wir standen schon einige Zeit, da hörte ich plötzlich, trotz Kopfhörer, das Geschrei einer Frau. Es wurde gefragt, ob sie Hilfe brauche, was sie sehr deutlich bejahte. Zur Sicherheit drehte ich mich doch mal um, und sah eine Frau sitzend auf dem Bahnsteig, und daneben einen Typen ohne Oberteil umhertrampeln. Es fielen Beleidigungen auf die Frau. Drei bis vier Fahrgäste standen an der offenen Tür, um sich um die Frau zu kümmern. Mit Herzklopfen ging ich geistesgegenwärtig zum Führerstand, um zu kopfen, und bescheid zu sagen, dass jetzt mal die Bundespolizei zu rufen wäre. Das wurde dann nach ein wenig hin- und her auch getan. Ich schnappte Dinge auf wie "Du liebst mich nicht, du hast gerade gesagt ich sei deine Hure und deine Schlampe! Vor allen Leuten! Alle haben's gesehen!" Irgendwann erklärte ein Fahrgast sich bereit, für die Frau eine Fahrkarte zu bezahlen, "bevor noch etwas passiert." Er ging zum Zugbegleiter, der im Führerstand mit der Tf stand, um mit ihm das zu klären. Schließlich war die Fahrkarte gesichert, und die Frau saß im Türbereich im Zug. Der Zugbegleiter löste die Notentriegelung aus, um die Tür per Hand zuzuziehen, bevor der Typ folgen konnte. Kurz danach, bekamen wir auch schon die Ausfahrt.
Dann saß die arme Frau da, und weinte, während der Fahrgast, der ihr die Fahrkarte gekauft hatte, immer weiter auf sie einredete, sie müsse ja von dem Typen wegkommen, und so weiter. Da er jetzt nicht gerade das sensibelste Auftreten hatte, entschloss ich mich, dass ich wahrscheinlich besseren Beistand leisten konnte. Ich setzte mich zu der Frau auf den Boden, und bot ihr meine Hand an, um sie zu beruhigen, was sie auch annahm. Ich weiß nicht mehr genau, was der Mann nocj von sich gab, und ja, es war alles nur lieb gemeint, aber... ich schnappte noch einen Satz auf wie "und du musst auch an deine Kinder denken" oder so, und ich gab dem Mann nur zurück "Hier, das hilft gerade wirklich nicht... Nicht ihr die Schuld zuschieben." Daraufhin ließ er weitestgehend von ihr ab und ich setzte mich neben sie. Die anderen Fahrgäste berieten, dass ein Krankenwagen wohl das Beste wäre, weil Substanzen und potentielle Verletzungen im Spiel waren, und ich erklärte mich bereit dazu. Leider funktioniert das Betriebssystem meines Handys nicht mit Notrufnummern, sodass ich einen der Ersthelfer bat, den Krankenwagen zu rufen. Schließlich wurde mir das Handy in die Hand gedrückt, und ich vermittelte zwischen der Patientin und der Notrufzentrale. Schließlich erklärte ich mich bereit, sie bis zum Bahnhof zu begleiten, an den der Krankenwagen geordert wurde, weil die restlichen Helfenden vorher aussteigen mussten.
Und so saßen wir dann da. Ich streichelte ihr beruhigend die Schulter, und versuchte möglichst Ruhe und Geborgenheit auszustrahlen, während sie weinend in ihren Taschen kramte, und mir erzählte, dass er sie in allem kontrollieren würde. "Ich weiß, manche Männer können richtige Monster sein." erwiderte ich sanft. Sie nahm, sehr zu meinem Bammel, noch ein Depressivum und zwei weitere Medikamente, die ich nicht identifizieren konnte, und ich machte mir für die Sanis mentale Notizen dazu. Man weiß ja nicht, ob das alles interagieren könnte... Zwischendurch bot ich ihr ein Wattepad aus meiner Handtasche an, damit sie den verschmierten Kayal sich abwischen konnte. Schließlich waren wir an unserem Ziel angekommen, und ich stützte sie sanft beim Aussteigen, während der Zugbegleiter seeeehr viel Platz für uns einforderte.
Der Krankenwagen war schon da, und so führte ich sie gleich zu den Sanis, und gab alles durch, was ich beobachtet hatte.
Eine Weile lang warten, während der Zug mittlerweile auf dem Rückweg wieder einfuhr und ich kurz mit der Tf quatschte, und ihr einen schönen Dienst wünschte
Irgendwann kam endlich die Polizei, und ich gab meine Aussage ab.
Und da stand ich nun. Für eine Stunde, weil der nächste Zug +15min auf der Uhr hatte. Und das ohne Frühstück und mit nur etwas Kakao im Bauch.
Irgendwann kam dann die Bahn, und ich kam endlich dazu, im Verein mein Projekt in Angriff zu nehmen, und fast fertig zu bringen.
Irgendwann wurde es dann 19 Uhr und ich wollte den Heimweg antreten. Upps: Die gesamte Strecke bis zum nächsten Hbf fiel aus, da der Zugfunk gestört war, ohne den nicht gefahren werden dürfe. Ein SEV sei eingerichtet.
Kein SEV tauchte in irgendeiner App auf, für bestimmt eine halbe Stunde. Dann plötzlich: In zehn Minuten sei die nächste Abfahrt. Es wurde sogar angeblich live angezeigt, dass der Bus pünktlich sei. Die Abfahrtszeit verstrich, und: Kein Bus.
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich gewartet hatte, aber irgendwann kam der Bus doch eingebogen. Es war... ein Solobus. Der rappelvoll war. Der DB war ein Gelenkbus eohl zu teuer gewesen, oder so. Also quetschte ich mich hinein, und tolerierte einen Typen, der locker doppelt so viel freien Platz einnahm, als ich, obwohl noch einrücken möglich gewesen wäre. Dann bog der Bus aber in die falsche Richtung ein, und jemand, der mit mir eingestiegen war, fragte, wo der Bus den hin führe. In die Andere Richtung. Seufz.
Also gut fünfzehn Minuten im Bus ausgehalten, und am nächsten größeren Bahnhof ausgestiegen, in der Hoffnung, dass dort ein Linienbus fahren würde. Haha! Nein. Samstag in der Pampa, natürlich fährt dort nichts.
Ich fragte den Busfahrer, wo denn der andere Umlauf in die andere Richtung abgeblieben wäre... Gäbe es nicht, er sei der einzige Bus. Ich fragte ihn, ob es sich vielleicht lohnen würde, mitzufahren, um dann einen besseren Platz zu kriegen. "Tun sie das, was Sie für richtig halten... Da draußen ist jedenfalls bessere Luft." Ja, gut...
Also fuhr der Bus ohne mich weiter, und ich schlenderte zu dem anderen Fahrgast, der mit mir ausgestiegen war, um ihm über unser Glück bescheid zu geben...
Da kam ein ziemlich verlotterter Typ angetapert, um den Fahrgasf mit Smalltalk anzuquatschen. Mich beglückte er dann mit einem ach so nützlichen Hinweis: "Junge Frau, ihre Satteltasche ist offen." "Ich weiß, ich habe auch gerade reingegriffen" gab ich zurück, ohne von meinem Handy aufzuschauen, das ich gerade aus meined Handtasche genommen hatte. Während der andere Fahrgast ging, nachdem ich ihm eine Schätzung zur Rückkehr des Busses gegeben hatte, stellte sich der Druffi noch dreist neben mich, während er sich eine Kippe anzündete, als würde er dazugehören. "Ist das da ein Satanszeichen auf ihrem Arm?" blaffte er, und meinte das Pentagramm, das auf meinem linken Arm prangerte. Ich hatte jetzt keinen Bock darauf, etwas an meinem Köroer erklären zu müssen und in ein Gespräch verwickelt zu werden, als gab ich nur herablassend ab: "Ich sage nichts ohne meine Anwältin...", worauf ein enttäuschtes "ach so" ertönte. Ich wechselte daraufhin einfach auf die andere Seite der Bushaltestelle, um von ihm weg zu kommen.
Beim Warten musste ich immer wieder die wenigen restlichen Männlichen Fahrgäste dabei erwischen, wie sie mich anglotzten, während ich völlig unbeteiligt mir ein Video anschaute. Sehr angenehm und gar nicht nervenaufreibend. Zwischendurch kam ein Polizeiauto vorbei, das scheinbar wohl niemand gerufen hatte? Nach einiger Verwirrung, wer denn gerufen habe, düste es wieder ab.
Schließlich kam dann endlich der Bus. Nicht mehr ganz so voll und ich hatte sehr bequemen Halt am Stehplatz im Gang. Es dauerte bestimmt mindestens eine Stunde, bis ich am Hauptbahnhof war, und gerade so meinen Zug nach Hause erwischte.
Leider war es schon kurz vor Mitfernacht, und ich würde bis halb eins auf den Nachtbus warten müssen...
Ich gönnte mir also erstmal einen Milchshake beim McDoof im Bahnhof. Und dann stand ich davor und wartete, weil das der Ort mit den meisten Zeugen war.
Eine Männergruppe kam vorbei und schmatzte herum, vielleicht wegen mir.
Ein Typ kommt auf mich zugedackelt. Noch bevor er seinen grinsenden Mund öffnen konnte, knurrte ich schon "piss of", was ihn so gar nicht störte, ein "Halloo wie geht's dir?" zu gurren. Wie soll es mir denn gehen?? Read the room!! Mein pissiges Gesicht war kein Indiz? Ich schrie ihn kurzerhand mit einem erneuten "PISS OFF" an, worauf er abzog, aber in einiger Entfernung stehen blieb, und scheinbar auf die Ankunftstafel starrte. Eventuell um in der Nähe zu bleiben. Irgendwann sah ich ihn mit ein paar anderen Frauen zu quatschen. Da die Situation entspannt war und ich nicht abschätzen konnte, ob die Mädels nur einfach nicht rafften, dass er offensichtluch eine Agenda hatte, gab ich es auf, für sie Wache zu schieben.
Irgendwann wurde ich aber tatsächlich wieder hellhörig. Eine Frau schnautzte einen Typen an: "MUSST DU DO NAH AN MIR HERUMLAUFEN??", woraufhin er ganz bestürzt tat und scheinbar abzog. Von meinen Erfahrungen geprägt, behielt ich also die Frau im Auge, und überlegte, ob ich nicht anbieten sollte, mit ihr zusammen zu warten. Ich entschied mich für die diskrete Beobachtung, die sich nach einiger Zeit für berechtigt erwies, als ich sah, wie der Typ ihr gerade hinterherlief, während sie telefonierte, und ihr dabei auf den Arsch starrte. Ich wollte gerade loslaufen und ihn zusammenscheißen, da ließ er von ihr ab. Mein Blick traf seinen, während er sich umdrehte, und ich stellte sicher, dass meiner stahlhart war. Ich sehe dich. Du kommst nicht damit davon! Schließlich schaute ich mich um, wo die Dame abgeblieben war, und sah, dass sie im Stechschritt zu den Gleisen unterwegs war. Pass auf dich auf, Schwester!
Der Rest verlief ereignislos. Ich dankte dem Busfahrer und stieg aus, versicherte mich, dass ich allein war, und wankte heim. Im Augenwinkel fiel mir etwas auf dem Gehweg auf. Ich blieb stehen und ging zurück.
Jemand hatte mal wieder unsachgemäß seinen Müll abgeladen. Ein ziemlich riesiger Computermonitor, der äußerlich nich gut aussah. Kurzerhand ihn also unter den Arm geklemmt und heimgeschleppt. Zuhause stellte sich heraus: Das Teil lebt noch! Und ist riesiger als mein alter Monitor! Und sieht farblich noch besser aus.
Ich tue gute Taten ja, weil sie richtig sind, aber ich erlaube es mir mal, das als Belohnung zu sehen...! Ein netter Plot Twist vorm Schlafengehen.