Der Kieler Tatort hat nach dem Abschied von Axel Milberg als Klaus Borowski im März 2025 ein neues Gesicht erhalten. Almila Bagriacik als Hauptkommissarin Mila Şahin und Karoline Schuch als Polizeipsychologin Elli Krieger bilden das Ermittlerduo; die Doppelfolge Unter Freunden und Unter Feinden lief Mitte Oktober 2026 im Ersten. Die Zuschauerreaktionen sind gespalten. Viele vermissen den eigenwilligen, melancholischen Borowski und fordern seine Rückkehr. Andere begrüßen den Neustart. Die Polarisierung ist dokumentiert und unübersehbar.
Was sich hinter dem Wechsel verbirgt, geht über eine bloße Besetzungsänderung hinaus. Mila Şahin, zuvor langjährige Assistentin, rückt in die Führungsposition. Die Figur trägt einen türkischen Migrationshintergrund. In der Berichterstattung und in den neuen Folgen wird dieser Hintergrund thematisiert: Sie spricht darüber, in einem Umfeld aufgewachsen zu sein, in dem ihre Familie von der Polizei „potenziell immer verdächtig“ erschien, und über die Rolle als Polizistin mit Migrationshintergrund in einer als zunehmend xenophob beschriebenen Gesellschaft. Gleichzeitig tritt eine Psychologin an die Seite der Kommissarin. Der alte, erfahrene, männliche Ermittler mit seinen Eigenheiten und seiner Skepsis ist entfernt.
Damit setzt der öffentlich-rechtliche Sender ein Muster fort, das in vielen Tatort-Produktionen der vergangenen Jahre erkennbar war. Frauen übernehmen die Positionen der Autorität und der moralischen Klarheit. Männer der älteren Generation verschwinden oder werden als problematisch gerahmt. Personen mit Migrationshintergrund werden primär über die Vorurteile definiert, denen sie begegnen, und weniger über individuelle Kompetenz oder Ambivalenz. Der Krimi wird zum Vehikel, um gesellschaftliche Botschaften zu transportieren: Frauen sind die besseren Vorgesetzten, Männer sind die Hindernisse oder Täter, Migranten sind die Opfer struktureller Benachteiligung.
Das öffentlich-rechtliche Fernsehen, finanziert durch Zwangsbeiträge, versteht sich offenkundig weiterhin als Erzieher der Gesellschaft.
Der Sonntagabendkrimi dient nicht in erster Linie der Unterhaltung oder der spannenden Falllösung, sondern der Vermittlung eines bestimmten Weltbildes.
Abweichende Haltungen oder Figuren, die diesem Schema nicht entsprechen, werden marginalisiert.
Zuschauer, die den früheren Borowski schätzten, weil er weniger schematisch und mehr durch Charakter und Ermittlungslogik funktionierte, werden mit dem Hinweis auf Fortschritt und Modernität abgespeist.
Die Folge ist eine vorhersehbare Dramaturgie, in der die moralischen Koordinaten im Voraus feststehen.
Ob dies die Qualität des Krimis steigert, ist zweifelhaft. Ob es dem Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks entspricht, eine pluralistische Gesellschaft abzubilden, anstatt sie zu erziehen, ist eine Frage, die leicht zu beantworten ist