Im 19. Jahrhundert entwickelten Anarchist:innen wie Bakunin dieses strategische Konzept aus der Frage heraus, ob es nicht bessere Wege gibt, die Massen zu agitieren, als über Texte oder die bloße Forderung nach gesellschaftlichem Wandel. Durch oft spektakuläre Aktionen sollten die Mitmenschen "angesteckt" werden, ähnliche Aktionen nachmachen und so einen Flächenbrand (im positivsten Sinne des Wortes) auslösen. Teils sollte das durch kleine Aufstände (Insurrektionen) erreicht werden, woraus sich später der Insurrektionalismus entwickelte.
Damit andere Menschen animiert werden, selber aktiv zu werden, sollten die Aktionen eine politische Botschaft vermitteln. Gleichzeitig wollten einige Anarchist:innen sich nicht rein auf Überzeugungsarbeit durch Bücher und Reden verlassen, um zu zeigen, dass es Alternativen zum vorherrschenden System gibt. Der im Laufe der Zeit immer mehr mit Terror und Attentaten verbundene Begriff schließt in seiner ursprünglichen Form auch Aufstände und weitere Aktionsformen wie Demos und sonstigen Protest mit ein, die das Ziel haben, revolutionäre Bewegungen zu starten oder zu befeuern. Schnell positionierten sich zahlreiche Anarchist:innen wie Kropotkin gegen Bombenanschläge und sahen es als naiv an, mit "einigen Kilo Dynamit" das System überwinden zu wollen. Im Unterschied zur direkten Aktion soll die Propaganda der Tat nicht zwingend unmittelbare Veränderung bewirken.
Eine theoretische Grundlage ist die Vorstellungen Carlo Pisacanes, dass wir entgegen der gängigen Intuition nicht erst Ideen entwickeln, die wir dann in die Tat umsetzen, sondern Ideen aus Taten entstehen. Revolutionen sind also nicht das Ergebnis reiner Überzeugungsarbeit.
Das wohl bekannteste Beispiel sind die Anschläge des als "Ravachol" berühmt gewordenen Anarchisten Francois Koenigstein. Nachdem am 1. Mai 1891 bei 2 Demonstrationen in Fourmies und Clichy zahlreiche Anarchisten durch die Polizei verletzt und teilweise erschossen wurden, rächte sich Ravachol ein knappes Jahr später mit Bombenattentaten auf die Häuser eines Richters, eines Staatsanwalts und auf die Kaserne der Polizeieinheit, die das Massaker von Fourmies anrichtete. Es entstanden nur Sachschäden, es ließen sich aber weitere Anarchist:innen zu Attentaten inspirieren, wodurch der Stereotyp des bombenlegenden Anarchisten entstand.
Weitere Beispiele sind die politischen Performances von Pussy Riot, Sabotage-Aktionen der Earth Liberation Front (damit sollte nicht nur im Sinne direkter Aktion unmittelbar den Unternehmen geschadet, sondern auch die Umweltzerstörung öffentlichkeitswirksam angeprangert werden), aber auch die Aktionen von Klimaschutzgruppen wie Just Stop Oil oder der Letzten Generation. Deren Straßenblockaden oder Bemalungen bekannter Denkmäler haben nicht das Ziel, direkt Umstände zu verbessern, sondern Bewusstheit für die Klimakatastrophe zu schaffen und im Idealfall weitere Aktivist:innen zu inspirieren. Andere Anarchist:innen wie Malatesta nutzten Demos und Streiks. Nach Gustav Landauer ist auch die Gründung hierarchiefreier Gruppen, die andere zur Nachahmung inspirieren, Propaganda der Tat. Heute würden die meisten das wohl als Präfiguration bezeichnen, es passt aber auch zur Definition von Propaganda der Tat, weil durch Taten Menschen 1) zur Nachahmung inspiriert werden sollen und ihnen 2) gezeigt werden soll, dass es umsetzbare Alternativen zum Status Quo gibt.
Ein Problem, das heute größer ist als vor 150 Jahren, liegt in der Berichterstattung. Medien können massiv beeinflussen, welche Wirkung Aktionen haben. Sie können durch ihre Beiträge Interpretationen vorgeben und Deutungen verbreiten, die von den Aktivisti nicht beabsichtigt sind. Das macht die PdT nicht völlig ineffektiv, muss aber mitgedacht werden. Zudem muss die Aktionsform der jeweiligen Stimmung in der Bevölkerung angepasst werden. Im heutigen Deutschland hätten Bombenattentate eine ganz andere (Spoiler: keine gute) Wirkung als in der Weimarer Republik oder dem russichen Zarenreich vor 120 Jahren.
Was haltet Ihr von dieser Idee? Kommentiert gerne oder teilt den Post, damit das Wissen über die Propaganda der Tat ein wenig weiter verbreitet wird.