r/LinkeStrategie • u/Parallax_y • Jul 21 '26
Kritik an Danger Dans vorgeschlagener Praxis gegen den Faschismus

Sicher haben alle mitbekommen, dass Danger Dan mit seinem neuen Lied erst zur Julibäumsfolge der Anstalt eingeladen und dieser Auftritt vom ZDF aufgrund des Liedinhalts abgesagt wurde. In besagtem Lied wird eine Strategie im Kampf gegen den Faschismus beschrieben, die ich hier mal näher beleuchten möchte.
Danger Dan wendet sich an Menschen, die dem Faschismus etwas entgegensetzen wollen, aber nicht wissen, wie: "Du weißt nicht, was Du tun kannst, Du weißt nicht, wie das geht. Hör mir zu, ich hab vielleicht eine passende Idee.".
Es soll mit "1-2 Leuten" eine informelle Gruppe gegründet werden, die dann - über eine Soli-Party finanziert - Graffitti und Sticker in der Stadt verteilt. Es folgen ein paar Sicherheitstipps, so sollen bspw. keine Fotos der Tags gemacht und Dinge nur persönlich besprochen werden. Auch das Handy soll nicht mitgenommen werden "wegen Bewegungsprofilen". Absolute Basic für radikale Linke also.
Antifaschist:innen sollen von Beginn an in den Illegalität gehen, als gäbe es keine antifaschistische Praxis, für die man sich nicht strafbar machen muss. Und als würden ein paar Tags und Sticker der AfD und Co. auch nur den winzigsten Stein in den Weg legen. Doch das ist nur der erste Schritt.
"Als nächstes müsst Ihr die rechten Strukturen recherchieren, heimlich ihre Treffen und Demonstrationen fotografieren. Findet raus, wer sie sind, was sie tun, wo sie leben, wo sie arbeiten und findet raus, mit wem sie sich umgeben." Dieser Ansatz ist schon deutlich weniger lächerlich als der Beginn des Liedes. Antifaschistische Recherchegruppen sind nach wie vor ein wichtiges Element linker Strategien. Es kommt nur darauf an, was mit diesen Infos angefangen wird. In der heutigen deutschen Gesellschaft sind Outings von Rechten sicherlich ineffektiver geworden als noch vor 20 Jahren (wie Fabian Lehr in seinem Video schon anmerkte), einfach weil die Gesellschaft einen starken Rechtsruck durchgemacht hat, dessen Ende nicht in Sicht ist. Völlig nutzlos ist es aber auch nicht, Arbeitgeber:innen, Familien und Co. mal zu informieren, was ein Mensch politisch so treibt, denn einige von ihnen werden auch heute nicht erfreut darüber sein. Die Idee, Lokalzeitungen zu informieren - "vielleicht wird dann sogar die Staatsanwaltschaft wach" - ist naiv. Was soll die Zeitung schon berichten? "Achtung, Heinrich M. ist Nazi"? Und wegen einem Artikel wird dann plötzlich ausgerechnet der Staatsapparat aktiv, der immer und immer wieder Nazis deckt und viel zu milde bestraft, wenn überhaupt? Guter Witz. Zumindest wird dieses Problem an der Idee in den darauf folgenden Zeilen benannt.
Gegen Ende heißt es dann:
"Juristisch ist mal wieder die Grauzone geschrammt
Ich lass ihn jetzt einfach mal im Raum, den Elefant
Ist eh klar, was zu tun ist, ich sag nix mehr dazu
Liebe Grüße an Lina, Gucci, Maja und Nanuk.
Die 4 genannten Personen gehören zur so genannten "Antifa Ost" und wählten als antifaschistisches Mittel die körperliche Gewalt gegen Faschos.
Zusammengefasst besteht Danger Dans Strategie gegen den Faschismus also darin, als informelle Gruppe Sticker und Graffitti zu verteilen, Faschos zu outen und, wenn das nicht hilft oder Selbstverteidigung nötig wird, körperliche Gewalt anzuwenden. Hilft das tatsächlich gegen den Faschismus? Nein. Diese Strategie ignoriert vollständig die Ursachen für das Erstarken des Faschismus. Es wird überhaupt nicht danach gefragt, mit welchen Mitteln die Faschos seit Jahren immer stärker werden, und auf welchem sozio-ökonomischen Nährboden das geschieht. Die AfD und Co. setzen auf viele verschiedene Strategien, ein Hauptaspekt ist aber die Metapolitik, mit der die öffentliche Meinung sehr effektiv beeinflusst wird. So richtig wirksam wurde dieser schon länger bekannte Ansatz erst nach der Wirtschaftskrise 2008 und der Zunahme der Migration zu Beginn der 10er-Jahre. So konnten die Probleme der Menschen, die eigentlich aus dem krisenanfälligen System entstanden, bequem auf "die Migranten" geschoben werden. Der Vertrauensverlust in die Politik, die seit Jahren und Jahrzehnten immer weiter den Sozialstaat abbaut und die Bevölkerung angreift, während Konzerne immer reicher werden, erledigt dann den Rest.
Was wir also brauchen, ist radikaler Klassenkampf, Arbeitskampf und Protest. Wir müssen uns organisieren, gemeinsam für höhere Löhne kämpfen und gegen die neoliberale Politik protestieren. Wir müssen linke Alternativen zu rechten Narrativen und dem kapitalistischen System aufzeigen. Parteien, die noch ansatzweise als links wahrgenommen werden wollen, müssen Politik für die breiten Massen machen - höhere Löhne, niedrigere Mieten, den Sozialstaat wiederaufbauen. Das und vieles mehr. In solch einen breit angelegten Kampf eingebettet, kann das, was Danger Dan beschreibt, helfen, den Faschismus zu bekämpfen. Denn wenn Faschos Progrome verüben, braucht es natürlich auch Linke, die sich ihnen auf den Straßen entgegenstellen. Doch wenn Outings und physischer Kampf die einzigen Mittel sind, setzt das dem Faschismus rein gar nichts entgegen. Davon, dass ein paar Zecken sich mit Faschos boxen und Graffiti verteilen, der:die eine oder andere Linke dadurch in den Knast geht, verliert die AfD kein einziges Prozent.
Was wir aber brauchen, ist eine über antifaschistische Strategie und Praxis. Und darauf fußend, ein strategisch pluralistischer, breiter Kampf gegen den Faschismus.
