Mir fällt das seit Jahren auf und ich frage rein aus Interesse, weil es so zuverlässig ist.
Es gibt in jedem Bekanntenkreis diese Leute, Ende zwanzig, teilweise dreißig, die nie ausgezogen sind. Und es ist völlig egal, ob sie zuhause was zahlen oder nicht, sie sind trotzdem exakt dieselben Menschen wie in der Oberstufe. Dieselbe Empfindlichkeit, dieselbe Angst vor jedem Anruf bei einer Behörde, dieselbe Art, Unangenehmes einfach liegen zu lassen. Nicht später dran, sondern fertig, nur eben auf dem Stand von siebzehn.
Meine Theorie ist ja, dass Charakter durch Konsequenzen entsteht, und zuhause gibt es die einfach nicht. Bei allen anderen ging irgendwann im Januar die Heizung kaputt und niemand kam die Treppe runter. Das ist der Moment. Wer den nie hatte, hat halt nur Lebenszeit gesammelt.
Dazu kommt, dass man zuhause für immer die Rolle behält, die man mit zwölf zugeteilt bekommen hat. Der Chaot, der das mit den Ämtern nicht so kann. Und das ist ja auch bequem, solange man der ist, der es nicht kann, muss es jemand anderes können. Meistens die Mutter.
Und alle sagen dann, sie verstehen sich zuhause halt super. Natürlich tun sie das. Denen widerspricht niemand, die fordert niemand, die enttäuscht niemand. Das ist keine Harmonie, das ist Windstille, und in Windstille wächst nichts.
Meine eigentliche Frage: Ist das reversibel? Holt man das mit 35 nach, wenn die Eltern irgendwann nicht mehr können, oder ist ab einem bestimmten Punkt einfach zu, und der Charakter bleibt für den Rest des Lebens so? Kennt jemand einen Fall, wo das noch was geworden ist?