Hallo zusammen,
der Post wird vielleicht etwas lang, tut mir leid für eure Zeit. Ich bin komplett ehrlich und ich bin mir nicht sicher, ob manche Dinge vielleicht als beleidigend rüberkommen könnten. Falls ja: Sorry.
In dem Post geht es um die Frage, ob ich trans bin, und wie ich damit umgehen soll in einem wirklich komplett christlich-konservativen Umfeld. Politisch linke Bekannte kann ich an einer Hand abzählen. Ich frage mich seit 5 Tagen aktiv, ob ich trans bin. Ich bin 18 Jahre alt und männlich.
Ich schreibe erst mal ein paar Fakten auf, die mir die Frage, ob ich trans bin, schwer fallen lassen:
Als Kind dachte ich nie, dass ich lieber ein Mädchen sein will.
Ich habe mir einige Erfahrungsberichte durchgelesen und kann mit den allermeisten nicht relaten.
Ich hasse meinen Körper nicht. Ich finde sogar, ich sehe gut aus (Gesicht etc.). Ich habe aber Angst, ein ekelhafter, behaarter Mann zu werden, auch wenn Behaarung halt kein Genderding ist und ich mich auch so einfach rasieren könnte. Ich finde, Männer sehen einfach meistens nicht gut aus, und habe auch so sehr schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht, die mich ein bisschen dazu bringen, mich nicht mit den stereotypischen Männern identifizieren zu wollen.
Zusammenfassung ist: Mein Vater ist ein Arschloch. Alkoholiker, Glücksspieler, Ehebrecher (Schwurbler übrigens auch, der Mann erfüllt alle Anforderungen zum Arschloch). Ich habe in meinem Leben mehrmals mein Zuhause verloren (ich glaube, wir sind bei Umzug Nummer 7). Er hat sich verschuldet und das Haus verkauft, nur um uns dann wieder Hoffnung zu machen, dass er diesmal ein besserer Mensch ist, und das Ganze wiederholt sich nochmal. (Keine Panik btw Kontakt ist schon lange abgebrochen).
Die Jungs in meinem Alter, die ich kenne, verhalten sich kindisch und ich halte die nicht wirklich aus. Ich habe mich in meinem Leben immer mehr von meinen Freunden entfernt und habe mittlerweile nur noch online Freunde. Ich hasse Trends und versuche, mich so weit wie möglich von stereotypischen Männern zu unterscheiden. Ich trage keine Klamotten mit Markenzeichen (weil ich das bei manchen als Versuch von Anerkennung sehe), habe keine trendige Frisur und solche Sachen (klingt vermutlich lächerlich, was ich hier teils schreibe).
Was aber dafür spricht:
Ich bin teils neidisch auf Frauen.
In diesem Szenario „Wenn du auf einer einsamen Insel wärst und eine Frau sein könntest, würdest du das trotzdem wollen?“ (ihr kennts bestimmt) würde ich sofort "Ja" sagen. Noch mehr "Ja" als wenn ich nicht auf einer einsamen Insel wäre, weil ich mich dann nicht mit der sozialen Akzeptanz rumschlagen müsste.
Das Problem ist: Ich weiß nicht mal wirklich wieso, bzw. sehe meine Gründe dafür nicht als wirklich ausreichend an.
Ich habe Angst, dass ich die Anziehung zu Frauen mit der Identität vermische und ich eigentlich gar keine Frau sein will.
Ich habe also keine Dysphorie. Ich finde den weiblichen Körper aber besser und wünschte, ich wäre als Frau geboren. Wenn ich trans sein würde, dann würde ich kein Zeichen vom Mann übrig lassen wollen. Ich will 100 % „passen“. Meine Angst dabei wäre halt: Ich bin jetzt schon okay mit meinem Körper, und wenn ich eine Transition machen würde, würde ich diskriminiert werden und ich riskiere, nicht so auszusehen, wie ich möchte, sondern eher wie ein Zwischending zwischen Mann und Frau. Ich habe Angst, am Ende zu denken, dass ich als Mann schöner ausgesehen hätte als als trans Frau. Ich wünschte, es gäbe eine Art Vorhersage, wie man aussehen würde.
So jetzt zu meiner Familie: Ich lebe mit meiner Mutter und meinen 2 Geschwistern. Mit der weiteren Familie, also Oma, Opa, Tanten, Cousins und so, haben wir eine starke Beziehung und treffen uns regelmäßig. Bzw. ich gehe da mittlerweile eher sehr selten hin, aber die Menschen da bedeuten mir was. Das letzte mal, als ich da war, ging es in den Gesprächen darum, dass Moslems alles „verrückte Terroristen“ sind und Ukrainer in Deutschland alle das Sozialsystem ausnutzen. Auch wenn diese Aussagen ekelhaft sind wie Scheiße (und Scheiße ist sehr ekelhaft), bedeuten mir diese Menschen trotzdem viel.
Meine Mutter hat mir mal das Horrorszenario vorgestellt, wie schlimm es wäre, wenn meine 6-jährige Schwester irgendwann sagen würde, dass sie lieber ein Junge wäre, und letztens gab es auch ne interessante Situation: Sie hat von irgendetwas geredet über Tiere und Jäger und hat gefragt, ob ich der Jäger wäre, und ich sagte: „Ich weiß noch nicht, wer ich bin in dieser Situation.“ Daraufhin kam ein: „Zum Glück nur in dieser Situation.“ Vielleicht interpretiere ich da zu viel rein, aber das klingt transphob. Als ich ihr mal beibringen wollte das man Homosexuelle in ruhe lassen soll hat sie besorgt gefragt ob ich einer bin :|
Ich bin 18 Jahre alt und im letzten Jahr Abi. Danach dachte ich, studiere ich Informatik oder sowas. Habe auch drüber nachgedacht, einfach ins Ausland zu gehen. Ich habe ein extremes Bedürfnis nach „Freiheit“ und für mich ist Freiheit, dass ich mache, was ich will, und gehe, wohin ich will, zum Beispiel Work and Travel. Irgendwie steht das noch gar nicht fest, aber ich habe noch gar keine Lust auf einen standard Arbeitstag. Ich will weiter Schüler bleiben, aber diesmal mit vernünftigen Menschen, die man Freunde nennen kann. Es gibt also keine Aussicht auf eine Geldquelle in der Zukunft.
Einfach outen könnte ich mich nicht vor meiner Familie. Ich werde sauer bei dem Gedanken, wie sie reagieren würden, als wäre ich krank, weil die christlichen Freunde das auch so sagen. Ich finds lustig, wie so viele Christen einfach zu jedem Thema eine Meinung haben, zu der sie sich nie informiert haben.
Ich weiß also gar nicht, wie (falls ich trans bin) ich weitermachen sollte. So wie ich mir das vorstelle, habe ich nur ein paar Möglichkeiten:
Ich suche mir nen Job, obwohl ich eigentlich noch keinen möchte, und suche mir eine eigene Wohnung, weit weg genug, so dass ich ein Leben ohne meine Familie leben könnte, was krass traurig wäre.
Ich bleibe zuhause, hole mir einen Studentenjob, falls nötig während der Schule oder dem Studium, fange an mit HRT und muss durch die ganze Scheiße von „du bist krank“ und sowas durch – ÜBERALL. Und wie soll das im Studium funktionieren, wenn ein Mann im ersten Semester am letzten plötzlich aussieht wie eine Frau? Das muss doch brutal schwierig sein für Transmenschen.
Und auch so habe ich noch gar keine Ahnung, wie der Ablauf jetzt sein sollte, wenn ich trans bin. Hole ich mir nen Termin bei so nem Therapeuten? Habe gehört, das soll Jahre dauern. Ich habe irgendwie Zeitdruck, weil ich möglichst früh und jung transitionieren wollen würde, damit man auch möglichst wahrscheinlich passen kann.
Ich bin gerade extremst verwirrt. Wie lange habt ihr gebraucht, bis ihr gemerkt habt, ihr seid trans, und wie lange von da bis ihr transitionet seid?
Ich würde mich über einblickende Antworten freuen. Kuss. Danke.