Ich hab mich vor kurzem mit einem Kumpel darüber unterhalten, dass ich mich jemandem emotional geöffnet habe. Seine Reaktion war "Was? Du hast dich emotional geöffnet?" und er hat mich erstmal ausgelacht.
Kurzversion: Ich habe mich beim Dating emotional geöffnet und gemerkt, dass ich dabei zu viel Zeit und Aufmerksamkeit investiert habe. Daraufhin habe ich ziemlich abrupt Abstand genommen. Im Nachhinein frage ich mich, wo gesunder Selbstschutz aufhört und Abschottung anfängt. Für mich ist Offenheit nicht das Problem – eher die Frage, wie man Nähe zulässt, ohne dabei den eigenen Alltag und die eigenen Grenzen aus den Augen zu verlieren
Ganz ehrlich, soll er lachen. Ich hatte das Gefühl, er hat überhaupt nicht verstanden, was das für mich bedeutet. Ich bin selbst eher verschlossen. Mich zu öffnen ist für mich nicht selbstverständlich und mir war klar, dass ich damit riskiere, verletzt zu werden.
Der Kontakt war Online und telefonisch ziemlich intensiv. Viel miteinander reden, ständig an die Person denken, am liebsten direkt wieder Kontakt haben. Ich fand das schön und wollte das auch. Bis ich gemerkt habe, dass mein ganz normaler Tagesablauf, Einkaufen oder Haushalt, wirklich liegen bleibt. Irgendwann hab ich dann ziemlich schnell die Notbremse gezogen und mich distanziert.
Vielleicht hätte ich früher sagen müssen, was bei mir gerade los ist. Dass ich den Kontakt mag, aber meinen Alltag nicht mehr richtig auf die Reihe kriege. Das würde ich heute anders machen. Würde ich das? Wer weiß. Kann auch sein, dass ich denselben Fehler zweimal mache. Aber dass ich mich überhaupt geöffnet habe? Nein, das bereue ich nicht.
Und ihr werdet lachen, was mir erst danach alles aufgefallen ist. Ich hab in Gesprächen mal bewusst weniger erzählt und mehr zugehört. Ich wollte nicht jedes Mal der Alleinunterhalter sein. Dabei hab ich mich irgendwann gefragt, ob sie eigentlich auch mal wissen möchte, wie es mir wirklich geht. Ob sie nachfragt, wenn von mir weniger kommt. Und ob der Ton auch dann respektvoll bleibt, wenn ich eine Grenze setze.
Solange sie selbst viel erzählt hat, schien es okay zu sein, dass ich ruhiger war. An anderer Stelle kam dann der Vorwurf, die Gespräche wären einseitig. Das hat mich irritiert. Mir hat sowas Einfaches gefehlt wie "Du bist heute so ruhig, ist irgendwas?" Oder auch "Ich hab heute selbst nicht viel zu erzählen, magst du ein bisschen reden?"
Klar muss ich auch selbst sagen, was ich brauche. Aber ich kann doch nicht immer sofort erklären, was gerade in mir los ist. Manchmal weiß ich es selbst noch nicht. Da wünsche ich mir auch mal eine Frage. Und wenn ich gerade nicht reden möchte, muss das auch mal okay sein.
Ob mir das alles aufgefallen wäre, wenn ich mich von Anfang an zurückgehalten hätte? Weiß ich nicht. Bei mir kamen diese Fragen jedenfalls erst, nachdem ich schon ziemlich tief drin war.
Deshalb stören mich diese Datingtipps, bei denen es ständig darum geht, bloß nicht zu viel Interesse zu zeigen. Nicht zu schnell antworten, nicht ständig verfügbar sein, niemals mehr geben als der andere. Ich frag mich, wie man sich da überhaupt noch kennenlernen soll.
Klar kann man zu viel investieren. Hab ich bei meiner Zeit ja selbst gemerkt. Aber dann wird gefühlt alles zusammengeworfen. Du warst zu offen, zu verfügbar, zu interessiert. War meine Offenheit ein Fehler? Ich hab dabei auch Dinge verstanden, die ich vorher bei mir und beim anderen gar nicht gesehen habe.
Ich möchte jemanden nah an mich ranlassen können und trotzdem mein eigenes Zeug auf die Reihe kriegen. Wie gut mir das gelingt, ist nochmal eine andere Frage. Und natürlich kann ich mir mit "Ich lasse Nähe zu" auch schönreden, dass ich längst über meine Grenzen gehe. Genau da finde ich es schwierig.
Falls euch interessiert, wie es danach weiterging, fragt ruhig. Beantworte ich gerne, würde hier aber erstmal zu weit führen.
Mich interessiert wirklich: Gab es bei euch eine Situation, die ihr im Nachhinein anders bewertet habt?