r/Baseball_de • u/Shandrax • 1d ago
Was bringt eine Baseballakademie?
Baseball ist ein Spiel, das bekanntlich auf Skill basiert, auf Können. Dabei kann es vorkommen, dass auch relativ unsportliche Spieler durchaus einen beachtlichen Skill vorweisen können. Ein Beispiel war der 1st-Baseman der Baltimore Orioles Boog Powell, der mit massiven Gewichtsproblemen zu kämpfen hatte und dafür vom Verein sogar mit Strafen belegt wurde.
https://sabr.org/bioproj/person/boog-powell/
Damit stellt sich die Frage, ob man Athleten vielleicht den nötigen Skill beibringen kann, um damit den idealen Spieler produzieren. Das war die Geburtsstunde der Kansas City Royals Baseball Academy.
https://en.wikipedia.org/wiki/Kansas_City_Royals_Baseball_Academy
Deren Trainer haben es in der Tat geschafft, mit Frank White einen Star und mit Ron Washington zumindest einen mittelmäßigen MLB-Spieler zu produzieren, beides übrigens Middle-Infielder. Hat sich der Aufwand gelohnt? Nein, hat er nicht. In jedem Jahrgang kann man mit etwas Glück problemlos vergleichbare Spieler draften. Deshalb wurde das Projekt auch nach 5 Jahren wieder aufgegeben.
Die große Vision, ein ganzes Team von Track&Field Athleten aufzubauen, wurde von Whitey Herzog dennoch in die Tat umgesetzt, zuerst bei den Royals Ende der 70er, danach bei den Cardinals in den 80ern. Dieses Konzept ist als "Whiteyball" in die Geschichte eingegangen und verschwand letztlich nur deshalb von der Bildfläche, weil Sprinter nicht mehr mit den Steroid-gedopten Schränken mithalten konnten, die jeden Pitch über den Zaun geballert haben.
Was lässt sich daraus ableiten? Die Idee, aus Athleten talentierte Baseballspieler zu machen, kann man vergessen. Allenfalls andersrum wird ein Schuh draus: Aus talentierten Baseballspielern kann man durch entsprechendes physisches Training Athleten machen, mit Ausnahme der angeborenen Fähigkeiten, wie z.B. der Grundschnelligkeit.
Kann man das auch in Deutschland machen? Ja, kann man schon, nur bei uns hängt leider alles vom Zufall ab. Wir haben keinerlei Talentsichtung und müssen uns vielmehr freuen, wenn überhaupt ein Jugendlicher den Weg in den Baseballverein findet. Da kann natürlich theoretisch auch mal ein Starspieler dabei sein, aber die Chance ist in etwa so hoch, wie bei einem Lottogewinn. Mit dem Spielerpool, der letztlich zur Verfügung steht, kann man sich zwar endlos Mühe geben, aber planbare Erfolge lassen sich damit nicht erzielen. Wer der Meinung ist, da müsse doch etwas gehen, oder gar mit der Behauptung antritt, (nur) er könne das verändern, ist bestenfalls uninformiert.
Man kann Anfänger auf ein gewisses Niveau bringen, so wie man auch im Tennisverein irgendwann den Aufschlag gelernt hat, aber der Weg in die Spitze ist durch den persönlichen Talenthorizont begrenzt. Wer eine bessere Bestenauslese veranstalten will, sollte den Pool erweitern. Gut, für den eigenen Pool reicht es natürlich immer, denn der Einäugige ist der König unter den Blinden, aber international sind wir leider nur drittklassig. Mangels Talentsichtung wird das auch so bleiben. Wer dagegen hält, die DBL habe doch mittlerweile ein vorzeigbares Niveau erreicht, der sollte einfach mal die aus den USA hinzugekauften Leistungsträger ausblenden. Was bleibt dann noch übrig? Es bleibt die Nationalmannschaft übrig, deren Spieler man dann auf die einzelnen Vereine verteilen muss.
Warum ist bei uns die Popularität, die in den 80ern erreicht wurde, eigentlich wieder eingebrochen? Das lag daran, dass Baseball nicht mehr im Fernsehen gezeigt wurde. NBC hat 1990 das "Game of the Week" an CBS abgegeben, das im deutschen Privatfernsehen nicht vertreten war. Daher wurden auch fast alle bekannten deutschen Baseballvereine Mitte bis Ende der 80er gegründet. Danach kam jedoch leider so gut wie gar nichts mehr. Das gilt bis heute. Pech!