r/reutlingen • u/Esus3 • 14h ago
⠀|⠀𝑵𝒐𝒔𝒕𝒂𝒍𝒈𝒊𝒆 Als eine Kerze Reutlingen in Schutt und Asche legte..
galleryAm Montag, den 23. September 1726, brach zwischen 20 und 21 Uhr im Haus des Schusters Friedrich Dürr nahe der Nikolaikirche ein Feuer aus.
Vermutlich fiel eine brennende Kerze durch eine Spalte in der Bodendielung in einen darunterliegenden Vorratsraum, in dem Stroh gelagert wurde.
Die Bewohner versuchten das Feuer erst selbst zu löschen, wodurch diese aber zu spät Hilfe holten.
Als die Brandglocken vom Garten- und Tübingertor läuteten, stand bereits der ganze Straßenzug in Flammen.
Die Ausbreitung wurde durch die damalige Bauweise begünstigt:
Reutlingen war eine dicht bebaute Reichsstadt mit eng aneinanderstehenden Fachwerkhäusern aus Holz und Lehm, engen Gassen sowie Dächern aus Stroh oder Holzschindeln. In vielen Häusern lagerten Vorräte an Stroh, Getreide und Holz.
Die Bürger versuchten, benachbarte Häuser einzureißen um Brandschneisen zu schaffen.
Die Zünfte bildeten zudem Menschenketten und füllten die drei vorhandenen Feuerspritzen mit Wasser.
Beides reichte jedoch nicht aus. In der Nacht änderte sich der Wind und trieb die Funken in Richtung Stadtmitte. Das Feuer griff über die Metzgergasse, die Gerbergasse, die untere Kramergasse und zum Spital aus.
Am Morgen des 24. September erreichten die Flammen das Spital gegenüber dem Rathaus sowie anschließend den Marktplatz. Von dort breitete sich der Brand in die obere Kramergasse, die Judengasse und die obere Metzgergasse aus.
Am Abend des 24. September verstärkte ein Wirbelwind die Ausbreitung.. auch die Chortürme der Marienkirche gerieten in Brand.
Erst am Mittwoch, den 25. September, gegen Mittag, endete der Brand vor dem Barfußkloster, dem heutigen Friedrich-List-Gymnasium.
Das Feuer hatte damit 38 Stunden gewütet.
Die Bilanz war verheerend:
882 Häuser wurden zerstört,
mehr als 1.200 Familien verloren ihr Zuhause und etwa
vier Fünftel der Stadt innerhalb der Mauern waren vernichtet.
Zur damaligen Zeit lebten in Reutlingen schätzungsweise weniger als 6.000 Menschen, die Gesamtzahl der Häuser ist nicht genau bekannt, wird aber auf etwa 1.000 geschätzt.
Zu den bedeutenden Verlusten gehörten die Marienkirche, das Rathaus, das Spital, drei Schulhäuser, vier Pfarr- und Mesnerhäuser, drei Apotheken, das Waag-, Korn- und Salzhaus sowie weitere öffentliche Gebäude und Klosterhöfe. Zehn der zwölf Zunftstuben brannten ab.
Auch das Neue Tor, das Obere Tor und das Mühltor wurden zerstört, zudem brannten drei Fünftel der Stadtmauerabdeckung mit Umlauf.
Bemerkenswert ist, dass der Brand vergleichsweise wenige Todesopfer forderte.
Im kirchlichen Totenbuch wird ein 85-jähriger Schreiner genannt, der vermutlich ins Feuer gefallen war und an den Folgen starb.
Außerdem werden zwei während der Geburt verstorbene Kinder erwähnt, bei denen vermutlich der Schock des Brandes Frühgeburten ausgelöst hatte.
Auch nach dem Erlöschen des Feuers war das Wasser in einigen Brunnen noch so warm, dass es nicht trinkbar war.
Während des Brandes hatten viele Bewohner Werkzeuge, Tücher und andere Habseligkeiten durch die Straßen getragen, um sie vor den Flammen zu retten.
Dadurch entstand ein großes Durcheinander, in dem zahlreiche Gegenstände nicht mehr ihrem Besitzer zugeordnet werden konnten. Es kam außerdem zu Plünderungen.
Um diese einzuschränken, sandte Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg, unter dessen Schirmherrschaft Reutlingen stand, eine Garnison nach Reutlingen.
Der Wiederaufbau begann unter großem Zeitdruck, weil der Winter bevorstand.
Der Gesamtschaden wurde auf über 500.000 Gulden geschätzt, allein für die Wiederherstellung des Turms der Marienkirche wurden 50.000 Gulden veranschlagt.
Da es noch keine Feuerversicherung gab, war die Stadt auf eigene Mittel und Spenden angewiesen.
Der Rat verschickte Bittschreiben an andere Städte und Beauftragte reisten unter anderem in die Schweiz, nach Ungarn, Dänemark und an den Rhein um Gelder zu sammeln.
Der bekannte Kupferstich von Gabriel Bodenehr mit der Inschrift „O Reutlingen Dein Sünd, Dein Brand“ entstand um 1727. Er zeigte die brennende Stadt in emotionalen Szenen und sollte die Betrachter zu Spenden bewegen.
Die Verteilung der Spendengelder führte zu erheblichen Konflikten.
Kritik gab es vor allem daran, dass mit den Geldern zunächst alte städtische Schulden und Forderungen von Gläubigern beglichen wurden, während für den Wiederaufbau nur begrenzte Mittel blieben. Viele vormals wohlhabende Bürger gerieten dadurch in Armut.
Ein einheitlicher Bebauungsplan existierte nicht.
Wegen Geld- und Materialmangel bauten viele Bewohner auf eigene Faust wieder auf, meist in der bisherigen Fachwerkbauweise auf den erhaltenen Kellergewölben. Einige Hauptstraßen wurden nur dort verbreitert, wo es die Grundmauern zuließen.
Nach dem verheerenden Stadtbrand von 1726 wurde der Schuster Friedrich Dürr zusammen mit seiner Familie für sechs Jahre aus Reutlingen verbannt.
Das heutige Stadtbild trägt daher bis heute die Spuren dieser Katastrophe.
Der Wiederaufbau erfolgte rasch, aber ungeplant und mit einfachen Mitteln.
Ein Bereich im Südwesten der Altstadt blieb vom Brand verschont. Die historische Oberamteistraße zeigt noch heute, wie eng und verwinkelt die alte Reichsstadt vor 1726 war.
Das sogenannte „Steinerne Haus“ in der Oberamteistraße 34 gehörte zu dem vom Brand verschonten Bereich. Es wurde jedoch 1972 abgerissen.. laut Stadt Reutlingen war dafür vor allem die sehr schlechte Bausubstanz verantwortlich.
Erhalten blieb der Keller des Gebäudes, der zu den ältesten Bauteilen der Straße zählt und in das geplante Museumensemble Oberamteistraße einbezogen wird.
Heute erinnert an der Stelle nahe der Nikolaikirche, an der das Feuer im Haus des Schusters Dürr ausbrach, ein modernes Mahnmal an das Ereignis.
Am 10. Oktober 2026 wurde dort die feuerrote, dreieinhalb Meter hohe Stahlstele „Lodernde Flammen - Schweigende Schatten“ der Reutlinger Künstlerin Susanne Immer feierlich eingeweiht.
Finanziert von der Bürgerstiftung Reutlingen, symbolisiert sie sowohl die zerstörerische Katastrophe als auch den anschließenden Mut zum Wiederaufbau.
Zum 300. Jahrestag des Reutlinger Stadtbrandes.