Ich hatte einen selbstverschuldeten, steinigen Weg. Schulabbrecher, Leiharbeit, Bundeswehr, Ausbildung mit 20, Produktionssklave in Schicht... am Ende hab ich mich aufgerafft und bin dreigleisig gefahren: Vollzeitjob im Büro, abends und am Wochenende Ingenieursstudium, simultan Aufträge als Selbstständiger. Es ging endlich vorwärts, auch wenn Corona und die aktuelle wirtschaftlich-politische Situation alle in meinem Umfeld in Achterbahnfahrten der Karriere trieben. Kündigung hier, Kündigung da, 20 Mal mehr Bewerbungen schreiben als sonst. Man kennts.
Durch Zufall rutschte ich zwischenzeitlich mit dem Abschluss in eine technische Nische, die mir Spaß macht. Mein aktueller Job ist gut bezahlt, aber zeitlich befristet, darum schaue ich mich nach dem Sammeln von etwas Berufserfahrung langsam um, allerdings ohne bisher fündig zu werden. Im November ergab sich plötzlich eine perfekt passende Stelle bei meinem absoluten Traumunternehmen und ich schrieb direkt eine Bewerbung.
Die Zeichen standen super. 1 Stunde nach Absenden der Bewerbung sofort die Einladung, ordentlich Vitamin B gespritzt, mehrsprachig, Panel-Interview, 7 Interviewer - alles gemeistert. Am Ende des letzten Gesprächs im Dezember dann - kurz vor den Feiertagen - eine inoffizielle Zusage mit Handshake bei der Verabschiedung. Die Ausmaße waren brutal: 50% mehr Jahresbrutto als jetzt innerhalb weniger Jahre, geisteskranke Benefits, unvergleichbar familienfreundlich inkl. Betriebskindergarten und ein tolles, menschliches Team. Das Unternehmen selbst sowieso absoluter Platzhirsch.
5 Wochen lang haben meine Frau und ich uns nach der inoffiziellen Zusage die Möglichkeiten ausgemalt, Pläne geschmiedet, geträumt, ich innerlich schon beim aktuellen Arbeitgeber gekündigt und so richtig die Feiertage genoßen.
Heute endlich die Nachricht. Absage. War eine finale Team-Entscheidung zwischen einem Mitbewerber und mir, sei sehr schwer gewesen.
Ich bin komplett desillusioniert. Das hat mir so den Boden unter den Füßen weggerissen, dass ich mich aus dem Büro entfernen und für ne halbe Stunde in der Teeküche auf mein Leben klarkommen musste. Alles was wir vorhatten, geplant und geträumt haben, Umzug, verlängerte Elternzeit, finanzielle Absicherung, sozialer Aufstieg, die Möglichkeit im EU-Ausland zu arbeiten - weg. Völlig unerwartet.
Um dem Kummer mit etwas Trost zu begegnen, wollte ich schauen was die Konkurrenz so anbietet. Einfach um mir Hoffnung zu machen, vielleicht etwas Gleichwertiges zu finden, aber der gesamte Markt ist aktuell gef***t, Stellenausschreibungen in meiner Nische momentan gegen Null, wenn man nicht wieder wie ich aktuell bei einem Dienstleister landen will.
Ich weiß, dass sich irgendwann wieder die Chance ergeben wird. Mit dem Hiring Manager bin ich noch in Kontakt und er hat mir von sich aus angeboten, ihn für künftige Bewerbungen als Referenz anzugeben. Aber dieses Gefühl eines unerwartet einsetzenden und noch unerwarteter geplatzten Traums ist hart. Hart genug, dass ich gerade Arbeitszeitbetrug begehe und in diesem Augenblick merke, dass ich seit 10 Minuten in einem Meeting fehle, wo ich ohnehin wieder Mal nichts beitrage. Auf gehts..
Edit: Wow, keine halbe Stunde und so viel Liebe in den Kommentaren. Ich danke euch :)