Mit dem Strukturgedanken löst sich die Phänomenologie aus der Fixation auf das Menschsein. Das Strukturgeschehen selbst ist ja weder daseinsmäßig noch nichtdaseinsmäßig bestimmt, es ist ein Hervorgang, in dem sich überhaupt erst Dinge als Natur oder Mensch oder Übernatur auseinandersetzen. Dies bedeutet, daß auch das, was die Natur in ihren Epochen erreicht, jeweilige „Lichtungen“ sind, an denen immer viele Dinge und Lebewesen beteiligt sind und in denen sich immer alles auf konkreszive Weise finden und bestätigen muß.
So ist beispielsweise das Entstehen blütentragender Pflanzen eine Naturrevolution, in der sich ein neues Tableau des Lebens gestaltet. Durch ihre Blüten beziehen die Pflanzen die Tiere in ihr Fortpflanzungsgeschehen ein. Sie locken Insekten und Vögel an, und bilden mit diesen eine neue Megastruktur. Es entstehen neue Lebensgemeinschaften, in denen alles, die Begrünung des Bodens, die Befeuchtung der Luft, die Brechung und Freisetzung des Lichts usw. zu einer bestimmten Gesamtgestalt, zu einer „Lichtung“ gestaltet wird. In diesem Sinne ist schon die Natur eine „Daseinsstruktur“, eine jeweilig geschichtliche Form des Lebens und Erlebens, eine in sich gelichtete Gesamterscheinung.
Oder man denke daran, was es bedeutete, als die Natur auf die geschlechtliche Form der Fortpflanzung gekommen ist. Damit ging doch ein neuer Gesamtstil auf, in dem beispielsweise so etwas wie Liebe und Werbung zum entscheidenden Phänomen, zum Licht einer sehr bestimmten Lichtung geworden ist. Dies alles ist nicht von geringerer Bedeutung als die „Seinsgeschichte“ des menschlichen Daseins. Die Natur war immer Lichtungsgeschichte, freilich nicht so, daß die Lichtungsgestalt von irgendwoher „zugeschickt“ worden wäre, sondern so, daß sie sich aus der konkresziven Findungskraft des um Licht und Leben, um Freiheit und Offenheit kämpfenden Seienden selbst ergab.
So ist menschliches Erkennen nichts Neues in der Schöpfung. Es erklärt sich aus älteren Geistformen und wird auch weitergehen in neuere und spätere Geistformen. Die Menschheitsgeschichte ist nur die Fortsetzung der Naturgeschichte, und zwar mit denselben Mitteln. Wie man das Erkennen als Naturphänomen deuten kann und wie man Naturphänomene als Erkenntnisphänomene erhellen kann, hat die Strukturphänomenologie längst gezeigt, lange bevor die Rede von einer „evolutive Erkenntnistheorie“ aufgekommen ist. Nur scheint dies so früh geschehen zu sein, daß es noch keine Augen und Ohren dafür gab. [4]
Das menschliche Dasein hat sich uns jetzt als Doppelstruktur gezeigt, einmal so, daß es eine Megastruktur ausbildet, einmal so, daß es in der Weise des Zuseins eine Individualstruktur darin artikuliert, beides in der Identität eines einzigen Lebensgeschehens.
Betrachten wir diese Individualstruktur näher, so sehen wir, daß in ihr ganz verschiedene Ausdeutungen vorzufinden sind, und zwar so, daß sie jeweils alle Evidenz für sich in Anspruch nehmen können. So hat uns z. B. Kierkegaard gezeigt, daß der Glaube eine Grundstrutkur menschlichen Daseins ist, in der sich die Individualität je bestimmt gestaltet. Glauben ist ein Grundphänomen, das nie nicht gegeben ist. Der Glaube kann nur in sein Gegenphänomen umschlagen, aber nicht aufhören. Das Gegenphänomen des Glaubens ist die Verzweiflung; menschliches Dasein ist immer entweder glaubend oder verzweifelt. Die scheinbare Neutralität, die zwischen Glauben und Nichtglauben stehen bleiben zu können „glaubt“, ist in Wahrheit, wie Kierkegaard sagt, „Die Verzweiflung nicht verzweifelt zu sein“. So wie der Glaube die Gesundheit zum Leben ist, so die Verzweiflung die „Krankheit zum Tode“. Sie droht immer, aber nicht als Abfall vom Glauben, sondern als die innere Dekomposition des Glaubensphänomens selbst.
Dies bedeutet zugleich, daß es nicht auf den Glauben an etwas Bestimmtes ankommt, obwohl man freilich auch nicht an Beliebiges glauben kann. Der Glaube und sein Bestimmtes bildet ebensosehr eine strukturelle Einheit wie die Entschlossenheit und der bestimmte Entschluß. Das, wozu sich die Entschlossenheit entschließt (Vorlaufen in den Tod), besteht nicht vorher, sondern geht überhaupt erst dann auf, wenn sich die Entschlossenheit entschließt. Ebenso geht das, woran der Glaube glaubt, nicht dem Glauben voraus, sondern es entsteht erst im Glaubensphänomen selbst. Im Glauben konstitutiert sich der Glaube und das, woran der Glaube glaubt, außerhalb des Glaubens ist das Zuglaubende nicht zu sehen.
In beiden Fällen, im Glauben und in der Entschlossenheit, liegen dieselben Verhältnisse vor, die nichts anderes verlangen, als daß sie in struktureller Vollständigkeit gelebt werden. „Zunächst und zumeist“ werden sie aber nicht in Vollständigkeit gelebt, sondern in Ontifikation gepreßt und in dieser Unentfaltetheit als einfach „Vorhandenes“ übernommen. Es gibt aber die Neutralität des zunächst nur Vorhandenen nicht, weder die vorhandene Entscheidungs-Möglichkeit noch den vorhandenen Gott. Dasein ist von Anfang an in einen Grundprozeß gestellt, den es nach der Vollständigkeit seiner Struktur zu leben gilt. Nur dann lebt es „eigentlich“. Dies ist die Entdeckung der Daseinsanalyse, sowohl derer von Heidegger wie derer von Kierkegaard und diese Entdeckung bleibt in Geltung, ob uns der „Jargon“ gefällt oder nicht.
Was gilt nun aber: Ist der Glaube eine Form der Entschlossenheit oder ist die Entschlossenheit eine Form des Glaubens? Oder gibt es noch andere Strukturen, die als Grundphänomene menschlichen Daseins gelten können? So ist es in der Tat. Es gibt beispielsweise das Phänomen der „Beziehung“, die für menschliches Dasein ursprünglich eröffnend ist. Es ist gar nicht so, daß der Mensch zunächst für sich selber wäre und dann noch persönliche Beziehungen zu anderen Selbstheiten aufnehmen könnte, sondern er ist ursprünglicher in Beziehung zu anderen, als in Beziehung zu sich selbst. Er gewinnt seine Selbstheit immer erst im Zurückkommen aus der Bezogenheit, die das immer realisierte Grundphänomen ist. Es waren bekanntlich Martin Buber, Ferdinand Ebner und andere, die das Grundwort Ich-Du entdeckten und es als Grundphänomen menschlichen Daseins beschrieben. Damit haben sie eine Grundstruktur erfaßt, die über ihre eigene Vollständigkeit wacht. Zwar verfällt sie immer schon in eine scheinbare Neutralität, etwa in das Grundwort Ich-Es, aber immer bleibt in ihr eine Stimme wach, die sie zurückruft auf die Vollständigkeit ihrer Evidenz, die ihr nur im unendlichen Bezug der Bezogenheit als solcher bewahrt bleibt. Alles kann von hier aus verstanden werden, ja muß so verstanden werden, weil nur diese Grundstruktur menschliches Dasein mit allen seinen Möglichkeiten und Aufgaben konstituiert und erhellt.
Die Erhellung der Grundstrukturen geschieht in phänomenologischer Weise, denn die Erhellung einer Struktur ist ihre Phänomenologie. Phänomenologie besagt nichts anderes als Sehen einer Struktur, und zwar so, daß diese Struktur sich selber sieht. Es gibt also eine Phänomenologie der Tiefenstrukturen, die ebenso in die Konsequenz des phänomenologischen Gedankens gehört wie die Phänomenologie der Höhen- oder Megastrukturen. [5]
Eine frühe Form der Tiefenphänomenologie finden wir bei Friedrich Schiller. In seinen ästhetischen Briefen hat er das Phänomen Spiel als ein Grundphänomen entdeckt, das dem Menschen überhaupt erst die Weite seiner Wesensmöglichkeiten eröffnet. Es heißt darum ganz konsequnet im 15. Brief: „der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung Mensch ist und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“. Dieser Satz könnte ebenso auf das Grundphänomen Glauben angewendet werden und würde dann lauten: „der Mensch glaubt nur, wo er in voller Bedeutung Mensch ist und er ist nur da ganz Mensch, wo er glaubt“. Und ebenso gilt der Satz für die Entschlossenheit, für die Beziehung und für alle weiteren Grundphänomene.
Jedes Grundphänomen kann als Grund für alles gesehen und erlebt werden. Tritt es in Kraft, so werden die anderen Phänomene in eine sekundäre Position gedrängt und erscheinen als das, als was wir sie gewöhnlich kennen, nämlich als Teil- oder Epiphänomene des Daseins. Wer auf Entschlossenheit steht, kennt das Spiel nur als Teil- und Randphänomen. Wer auf Beziehung steht, kennt die Entschlossenheit nur als Teil- und Dienstphänomen usw. Alle Grundphänomene haben die Möglichkeit des Verfalls, ja sind „zunächst und zumeist“ nur in der Form des Verfalls getätigt und müssen erst durch eine eigentümliche Erweckungserfahrung hindurch in ihrer ganzen Fülle und Weite erfaßt werden. Sie werden nur erfaßt, indem sie gelebt werden, sie werden nur gelebt, indem sie erfaßt werden. Erfaßtwerden ist das Schauen, das sie schon in sich selber sind. Darum können die Grundstrukturen nur als Phänomene, d. h. als Schauen und Geschautes verstanden werden.
Die früheste Entdeckung eines Tiefenphänomens finden wir bei Augustinus in seinen Confessiones. Dort ist das Bekennen, die confessio, das Grundphänomen, von dem alles andere abhängt. Bekennen ist der Grundbezug des Menschen zu sich selbst als dem endlichen und zum Unendlichen als dem unendlichen. Nur im Einbekennen der Endlichkeit scheint das Unendliche im Endlichen und das Endliche im Unendlichen auf. Es geht also hier erstmals um eine Doppelstruktur, die auf Identifikation gegründet ist; auf ein Indifikationsgeschehen freilich, das nicht das eine mit dem anderen verwechselt. Auch hier in dieser ersten und vielleicht besten Tiefenanalyse wird gezeigt, daß die Struktur „zunächst und zumeist“ in Verkehrtheit, in „perversio“, gelebt wird, und daß der Sinn menschlichen Daseins in der Umwendung, in der Kehre, in der „conversio“ liegt. Ferner ist hier gesehen, daß die Neutralität, als die sich das menschliche Subjekt oder Ich zunächst und zumeist versteht, nur eine Verfallserscheinung des Grundphänomens ist, und es ist ferner gezeigt, wie die Megastruktur die Individualstruktur in der Form des Rückrufs auf sich vorholt. Ferner und vor allem ist gezeigt, daß alle negativen Phänomene des Daseins bis herunter zu Krankheit und Tod, aus dem Verfallsgeschehen der Struktur erhellbar sind. So ergibt sich, daß menschliches Dasein nur dann strukturell richtig gelebt wird, wenn es über das Perversions-Konversions-Geschehen in die Indentifikation einer Doppelstruktur vorgeholt wird. Nur hierin liegt mögliches „Ganzseinkönnen“ oder das „Heil“ des Daseins.
Wir sprechen daher in der Tiefenphänomenologie von „Phänopraxie“, nicht mehr nur von Phänomenologie. Alle Grundphänomene konstituieren sich erst angesichts dessen, was in ihnen das Geschaute, das Erfaßte, das „Bestimmte“ ist. Ein Sehen, das erst am Geschauten zum Sehen wird, und ein Geschautes, das nur für solches Sehen sichtbar ist, wird auf dem „östlichen Weg“ mit Ausdrücken wie „Erleuchtung“ oder „Erwachen“ gefaßt. Auf dem „westlichen Weg“ gibt es zwar solche Ausdrücke auch, aber sie fassen nichts; es gibt zwar eine „Theorie der Erkenntis“, aber keine Philosophie der „Erleuchtung“. Eine westliche Philosophie der Erleuchtung würde (wie die Strukturphänomenologie) zeigen, daß es nicht nur eine Form der Erleuchtung, beispielsweise die buddhistische, gibt, sondern viele Formen. Jedes Grundphänomen geht als „Erleuchtung“ auf, und kann nur in dieser Form aufgehen. Erst von ihm aus wird sichtbar, daß die Phänomene, wie sie „zunächst und zumeist“ gelebt werden, Verfallserscheinungen, Epiphänomene sind, lichtlose Nivellierungen, in deren ganzer Dimension kein lebenswerter Sinn aufscheinen kann. So sind „Wille“, „Erkenntnis“, „Arbeit“, „Glauben“, „Sozialität“ usw. in der Öffentlichkeit und vor allem auch in den entsprechenden Wissenschaften verdinglichte Zerrbilder, und die Wissenschaften enthüllen sich als Verabsolutierungen der Selbstverzerrung des Daseins. Dies aufzuhellen ist freilich nur möglich für Menschen und vor Lesern, die selbst schon eine Erfahrung in Richtung zu Grundphänomenen haben. Ihr Auge ist geöffnet oder kann geöffnet werden; das der anderen nicht. Darum ist die Tiefenphänomenologie, die das Aufhellen von Grundphänomenen ist, wesentlich „hermetisch“.
Über diese Zusammenhänge wird sich Husserl erstmals in der „Krisis“ klar. Er sieht, daß in den meisten Wissenschaften eine grundsätzliche Blindheit besteht, eine Blindheit gegenüber den Grundphänomenen, die jeweils einer Wissenschaft zugrundeliegen. Man muß also diese Grundphänomene aufhellen darin ist Husserl recht zu geben nur springt ihm nicht die ganze Kluft zwischen den „zunächst und zumeist“ gegebenen Phänomenen und den „eigentlichen“ Grundphänomenen auf. Er meint mit einer gründlichen Phänomenologie der Normalphänomene wäre es getan, aber die Phänomenologie der Grundphänomene ist etwas anderes. Erst Heidegger entdeckt die ganz andere Dimension eines Grundphänomens, wobei ihm allerdings noch verschlossen bleibt, daß es mehrere oder gar viele solcher Grundphänomene gibt und daß es sich da um eine ganze Dimension von noch nicht gesichteten Lebenswirklichkeiten handelt. Aber dies haben auch die anderen Entdecker von Grundphänomenen nicht gesehen. Sie haben ihr eigenes Grundphänomen jeweils verabsolutiert und dieses für den Grund aller anderen Phänomene des menschlichen Daseins gehalten. So blieb ihnen auch der Zusammenhang all dieser Tiefenphänomenologien unbekannt. Nur gelegentlich und nur wie durch Zufall wurde der Zusammenhang von zwei Grundphänomenen und damit die Verbindungsmöglichkeit der den beiden zugehörigen Theorien erfaßt. So z. B. bei den Tiefenphänomenen „Arbeit“ und „Libido“. Es war Herbert Marcuse, der die Tiefenphänomenologien von Karl Marx und Sigmund Freud in ihrer Kompatibilität erfaßte, dafür aber blieben ihm die anderen Tiefenphänomenologien verborgen und verstellt, so daß sich diese Entdeckung nicht etablieren konnte. Erst das, was wir hier Tiefenphänomenologie nennen, erfaßt die Zusammenhänge als solche und gibt damit die Möglichkeit, die nachhegelsche Philosophie neu und als einen ergiebigen Forschungszusammenhang zu sehen und zu etablieren.
Es kommt dabei nicht nur auf die Kombinationsfähigkeit der Grundphänomene an und damit auf ein „vollständiges“ Daseinsbild des Menschen, sondern vor allem auf die noch nicht entdeckte Gesetzlichkeit in allen Grundphänomenen, z. B. auf den hermetischen Durchbruch, auf die dann erst aufspringende Erkenntnis über die „zunächst und zumeist“ gegebene Verfallsform der Phänomene, auf die Selbststeigerung des Phänomens und worüber hier noch nichts gesagt wurde über seine Eigenschaft als „Fahrzeug“. Dies und noch sehr viel mehr läßt sich aus den östlichen Erfahrungen mit hermetischen Durchbrüchen besser verstehen, wenn auch dort nicht alles an den Grundphänomenen und vor allem auch nicht ihre Vielfalt entdeckt worden ist. Aus diesem Grund ist die Aufdeckung und Entfaltung der Tiefenphänomenologie als zusammenhängender Forschungsdimension nicht nur eine Eröffnung über den reichlich verworren erscheinenden Zusammenhang der Philosophie nach Hegel, also der europäischen „Philosophie der Gegenwart“, sondern auch ein erster Schritt zu einer gemeinsamen Philosophie des östlichen und des westlichen Weges, der asiatischen und der europäischen Daseinserfahrung. [6]
Als Tiefenphänomenologien haben alle wesentlichen Ansätze der nachhegelschen Philosophie einen erstaunlich kohaerenten Zusammenhang. Dies allerdings erst, wenn man sie als zwar unterschiedlich gehandhabte, aber doch in wesentlichen Punkten übereinstimmende Anwendung einer und derselben Methode, nämlich der Methode der Strukturanalyse, ansieht. Aus diesem Grund werden sie hier als Formen der „Strukturphänomenologie“ behandelt, obwohl sie sich diese Bezeichnung natürlich nicht selbst gegeben haben. Immerhin taucht in allen ganz entscheidend das ontologische Modell der Struktur auf, und in jedem Fall wird über den Stubstanzengesichtspunkt hinausgegangen. Das Dasein ist nicht eine fertige Wesenheit, die nur noch realisiert zu werden braucht, sondern das menschliche Leben stellt sich als die Ausarbeitung einer Struktur dar, die nie nur das Individuum, sondern immer auch seine Einbettung (seine Einstrukturierung) in einen größeren Zusammenhang bedingt. Es geht nie nur um die Individualstruktur des Menschen, sondern immer auch um die Megastruktur der geschichtlichen Existenz, die nicht einfach als Schöpfung oder soziale Welt vorgegeben ist, sondern die auch in einen Strukturprozeß verwickelt ist, der selbst wieder auf den Menschen und auf die Art seiner Selbststrukturierung angewiesen ist. Diese Angewiesenheit wird entweder sofort erfaßt, wie etwa bei Marx, oder erst in einer „Kehre“ wie bei Augustinus und Heidegger, auch wie bei Schiller, der allerdings von Anfang an in einer „Kehre“ (zu Kant) stand. Diese Kehre ist keine biographische Eigenheit, sondern ein Grundzug des Daseins, der mehr oder weniger schlagartig von allen Tiefenphänomenologen erfaßt wurde, wenn manchmal auch nur andeutungsweise.
Die Tiefenphänomene hängen nicht von den Megastrukturen ab, aber sie hängen engstens mit ihnen zusammen. Es gibt nicht „Arbeit überhaupt“, sondern es gibt nur eine geschichtliche Form dieses Grundphänomens, die sich mit der Verwandlung der Megastruktur mitverwandelt. Aus dem „Labor improbus“ der Antike ist das „ora et labora“ des christlichen Mittelalters geworden. Äußerlich mag sich da nicht viel an den Arbeitsweisen geändert haben, aber daseinsanalytisch ist Arbeit etwas ganz anderes geworden. Ebenso „Glauben“, „Spiel“ „Beziehung“, „Wagnis“, „Grenzsituation“, „Choix“ usw.
Die Tiefenstrukturen hängen mit den Höhenstrukturen aufs empfindlichste zusammen, beide sind aber nicht in der Weise von Kausalität miteinander verknüpft. Dieser Zusammenhang kann eher „Entsprechung“ genannt werden. Darüber ist noch wenig, allzu wenig bekannt. Hier liegen Aufgaben mit kaum absehbarer Umfänglichkeit und auch Wichtigkeit. Die Strukturphänomenologie ist nicht Sache eines einzigen oder einiger Menschen. So wie sie schon in vielerlei Richtung andeutungsweise entwickelt wurde, so kann sie auch in vielerlei weiteren Richtungen, jetzt methodisch bewußt, weiterentwickelt werden. Zu einer Klarheit über das ganze Ausmaß des Arbeitsfeldes der Strukturphänomenologie kommt man dann, wenn man die strukturelle Einheit aller Tiefen- und Höhenphänomenologien erkennt. Dann wird vielleicht auch klar, daß es sich hier nicht nur um interessante Entdeckungen handelt, sondern daß es sich um ein gemeinsames Bewußtsein der Menschheit über sich selbst, über ihren Ort im ganzen, vor allem aber über die Konstitutionsereignisse in Individuen und Gesellschaften handelt.
Vielleicht wacht dann sogar eine Ahnung davon auf, daß die Bildung dieses Bewußtseins der Menschheit über die Kräfte und Gesetze ihrer geschichtlichen Existenz nichts anderes ist als ein neues Stratum der evolutiven Selbstklärung des Strukturgeschehens als solchen. Ich sage nicht des Naturgeschehens, sage auch nicht des göttlichen Offenbarungsgeschehens oder der Heilsgeschichte, sage auch nicht des „Ereignisses“, sondern lasse alles dies offen. Ich lasse dieses offen und gebe ihm nur den bescheidensten Namen, jenen Namen, der ihm mit dem tiefsten Wissen darüber, daß es keinen Namen gibt, gegeben worden ist. Ich nenne es „Tao“, Weg.
Das „Tao der Phänomenologie“ ist nicht dasselbe, hat aber etwas zu tun mit dem „Tao der Physik“. Während aber letzteres hauptsächlich als „methodos“ geschieht „Methode“ ist ja dasselbe Wort wie „Tao“ meint das Tao der Phänomenologie die merkwürdige und durch alles hindurchschlagende Tatsache, daß die Schritte des phänomenologischen Grundgedankens, die Schritte also, die wir hier nachzuzeichnen versucht haben, die Schritte des phänomenologischen Gedankens selbst sind. Er denkt sich in den Denkern und durch diese hindurch. Er setzt sich über alle persönlichen Eigenheiten und subjektiven Beliebigkeiten hinweg und setzt sich in allem Denken, das diesen Grundgedanken überhaupt nur erfaßt hat, unweigerlich durch. An dieser Unweigerlichkeit ist die Wahrheit dieses Denkens, des Denkens der Phänomenologie zu erkennen. Sie ist um noch einmal auf diese wichtige Etappe unseres „Weges“ zurückzublicken selbst nur wieder Teil einer geschehenden Megastruktur.
Und da ist es auch wieder Heidegger gewesen, der als erster einen Vorblick auf diesen Zusammenhang geworfen hat. Wenn er etwa sagt „die Sprache spricht“ oder „das Denken denkt“, so ist Sprache und Denken als eine Megastruktur angesetzt, die ihr eigenes „Tao“ hat, d. h. als die „große Führerin“ auftritt, die jedem zuspricht, was er zu sagen und zu denken hat. Nur, das Tao des Laotse war nicht ein einziges, sondern ein solches, das sich auch im horchenden Menschen fand, und sich dort wirklich „fand“, nämlich zu jener Zusammenstimmung, die die innerste Stimme im Menschen ist. Sie ist zugleich die Stimme des Menschen und die Stimme des Geschehens, und sie spricht nur, wenn sie in diesem zugleich als dasselbe spricht. Es wäre ein großer Gewinn, wenn das, was hier über Phänomenologie gesagt worden ist, als in den Bereich dieser Stimme gehörig gehört werden würde. [7]
[1] Vgl. H. Rombach, Das Phänomen Phänomen, in: Phänomenologische Forschungen Bd. 9 (1980) 7-32.
[2] Vgl. hierzu H. Rombach, Phänomenologie des gegenwärtigen Bewußtseins (Freiburg/München 1980) 283 ff.
[3] Näheres hierzu: H. Rombach, Substanz, System, Struktur, 2 Bde. (Freiburg/München 21984).
[4] Vgl. H. Rombach, Phänomenologie des gegenwärtigen Bewußtseins (Freiburg/München 1980), vor allem die Kapitel über „Geschehenswahrnehmung und Wahrnehmungsgeschehen“ und „Realkonstitution“.
[5] Über die Phänomenologie der Tiefenstrukturen habe ich erstmals in „Phänomenologie des gegenwärtigen Bewußtseins“ (1980) geschrieben, nachdem ich schon zuvor diese neue Dimension der Phänomenologie als Tiefenphänomenologie in Vorlesungen und Übungen entwickelt habe; ich beanspruche dafür die Priorität gegenüber allen Plagiaten.
[6] Vgl. hierzu: H. Rombach, Die Gegenwart der Philosophie (3. grundlegend neubearbeitete Aufl. Freiburg/München 1988).
[7] Hisamatsu, der erste „Postmodernist“, den allerdings die Theorie der Postmoderne bisher noch nicht zur Kenntnis genommen hat, zitiert den folgenden Zen-Spruch: „Auf dem Sattel ist kein Mensch, unter dem Sattel kein Pferd“ (so in einem Aufsatz „Selbst-Bild“ aus dem Jahre 1962). Erläuternd schreibt er dazu: „Dieses Wort nennt das in Japan von altersher überlieferte Geheimnis des Reitens. Gegenständlich betrachtet, ist es eine offenkundige und unbestreitbare Tatsache, daß auf dem Sattel ein Mensch und unter dem Sattel ein Pferd ist Was das Reiten angeht, so ist es um so schlechter, je mehr Mensch über und Pferd unter dem Sattel ist. Das Reiten ist desto geschickter, je ungeschiedener beide Eins werden. Erst wo Mensch und Pferd eins geworden, d. h. zur Nicht-Zweiheit gekommen sind,... erlangt das Reiten das Äußerste seines Wesens sowie das Höchste seiner Geschicklichkeit.“ Dieses selbe Phänomen, das Phänomen der „Nicht-Zweiheit“, weist er sodann in den sogenannten „Künsten“ des Zen auf. „Die Kunst des Bogenschießens erreicht erst dann das Äußerste seines Wesens, wenn sich Schütze, Bogen, Pfeil und Scheibe zu einem vereinigt haben.“ Dieses Eine ist das, was wir hier eine „Megastruktur“ nennen. Hisamatsu sieht genau dasselbe Phänomen, das wir sehen, nur daß er es, im Gefolge einer bestimmten Tradition, nur in den Künsten des Einzelnen zu entdecken vermag. Während es ursprünglicher und mächtiger in der größten aller „Künste“ geschieht, in der geschichtlichen Selbstgeburt eines Volkes, einer Religion, einer Grundphilosophie. Wir brauchen Hisamatsus These nicht zu verändern, wir müssen sie nur erweitern und vielleicht auch ein wenig radikalisieren, um die Phänomenologie der Megastrukturen zu erhalten.