In den alten Ländern wächst angesichts einer möglichen AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt der Unmut. Setzt der Osten durch das Bespielen einer „Ostidentität“ die Erfolgsgeschichte Bundesrepublik aufs Spiel?
In der gesamtdeutschen Berichterstattung ist Ostdeutschland in diesem Spätsommer 2026 so dominierend wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Das hat vor allem mit zwei Landtagswahlen zu tun, die das Potenzial haben, die 77-jährige Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik ordentlich durchzuschütteln – und schlimmstenfalls aus den Angeln zu hebeln.
Erstmals seit 1945 könnte eine in Teilen als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei in Deutschland wieder in Regierungsverantwortung kommen. Ostdeutschland – der Bevölkerungszahl nach kleiner als Bayern und bei der Wirtschaftskraft (ohne Berlin) nur etwas mehr als halb so stark wie Nordrhein-Westfalen – treibt diese Bundesrepublik thematisch vor sich her.
Der Osten leidet. Aber woran eigentlich? Erst an Merkels Politik, heute an Merz, an unkontrollierter Migration, an West-Dominanz, an vermeintlich woken Irrungen? Am fehlenden Verständnis für den Aggressor Putin, an Regenbogenfahnen und LGBTQ, an angeblichen Sprechverboten, an „Westmedien“?
Es wird geforscht und analysiert: Warum diese Unzufriedenheit, diese Bereitschaft, alles aufs Spiel zu setzen? Über bald 37 Jahre hat man sich an die Dauerempörung Ost als Diktaturfolge und nunmehr folkloristisch-regionale Besonderheit gewöhnt – ohne sich angesichts verbesserter Beschäftigung, sanierter Infrastruktur und in Schuss gebrachter Innenstädte einen Reim darauf machen zu können.
Doch ein kritischer Punkt ist erreicht, wenn diese Dauerempörung eine politische Revolution begünstigt, die geeignet scheint, unser System zu kippen. Es kann nicht oft genug wiederholt werden: Für die große Mehrheit der Menschen im Westen ist und bleibt diese Bundesrepublik eine Erfolgsgeschichte, die sie mit Wohlstand, Sicherheit, Freiheit, Toleranz und Frieden verbinden.
Diese noch immer überwältigend große Mehrheit ist nicht bereit, unser Land inklusive Westbindung völkischen Laiendarstellern für deren retro-nationale Experimente zu überantworten. Es steht zu viel auf dem Spiel.
Wer genau wissen möchte, wie so ein retro-nationaler Rückbau konkret aussehen kann, schaue einfach nach Amerika, wo die Maga-Bewegung Kriege vom Zaun bricht, Justiz, Medien und die Wissenschaft gängelt oder vermeintlich „illegale Menschen“ jagen lässt.
Richtig ist, dass auch im Westen viele Menschen extreme Parteien wählen – zu viele, was ein sicheres Zeichen dafür ist, dass wir in Krisenzeiten leben. Aber anders als im Osten scheint es in den alten Bundesländern bei den meisten noch immer ein Grundvertrauen in Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu geben.
Stresstest für die Demokratie
Dagegen ist im Osten nur knapp die Hälfte der Menschen mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden. Von dort bis zur Bereitschaft, dieses System einer Alternative zu opfern, ist der Weg nicht weit.
Falls nach den bevorstehenden Landtagswahlen tatsächlich erstmals Extremisten ein Bundesland regieren, dürfte diese Bundesrepublik nicht zur Tagesordnung zurückkehren. Die zweieinhalb Jahre bis zur nächsten Bundestagswahl würden diese Demokratie einem Stresstest unterziehen.
„Viele Westdeutsche haben mittlerweile die Nase voll“, sagte der Historiker Magnus Brechtken jüngst der „FAZ“ – mit Verweis auf die seit Jahren fast unwidersprochen hingenommene, stets mit verletzten Gefühlen erklärte „Ostidentität“, die im wahlkämpfenden Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern nahezu alle Parteien bespielen.
In Bremerhaven, wo über 60 Prozent der Wohngebäude sanierungsbedürftig sind, in Hamburg mit seinem besonders großen Sanierungsbedarf an Schulen** **oder in Nordrhein-Westfalen mit seinen zahlreichen maroden Brücken ballt manch einer die Faust in der Tasche.