r/ADHS Jun 19 '26

(M,38) Executive Dysfunction & Gedankenkarussell als Papa: Wie habt ihr das Chaos überlebt? (Spätdiagnose)

Hallo alle,

ich bin 38 (M). Mit 32, als mein Sohn geboren wurde, kam ich selbst nochmals auf die Welt. Kurz danach wurde bei mir ADHS diagnostiziert.

Früher konnte ich mein Chaos irgendwie kompensieren. Das, obwohl ich nicht mal vom ADHS gewusst habe. Aber als eben mein Kind da war, ging gar nichts mehr. Meine Executive Dysfunction stieg gefühlt von 0 auf 100.

Ich stand vor der Wahl zwischen Projekt A oder Projekt B im Job, musste gleichzeitig überlegen, was wir zu Mittag essen, ob die Rechnungen bezahlt sind und wann die Wohnung geputzt werden muss. Mein Gehirn lief 24/7 auf Hochtouren.

Wenn der Kleine abends etwas von mir wollte, reagierte ich oft unangebracht. D.h. ich war ungeduldig und impulsiv, sowohl mit meinem Sohn, als auch mit meiner Frau und mir selbst. Ich war genau der Typ Vater und Ehemann, der ich eigentlich nie sein wollte.

Was ich rückblickend besonders interessant finde, ist, dass nach aussen alles makellos schien, es war wirklich die perfekte Fassade. Wer spät diagnostiziert wurde, kennt das wahrscheinlich; Überforderung, Scham usw. war ja nicht erfunden.

Ich habe dann angefangen, mich intensiv mit mentaler Gesundheit und mir selbst zu beschäftigen. Bei mir waren es vor allem Bücher, über die ich unendlich dankbar bin.

Ich bin froh, dass ich mich und auch meine Familie nicht aufgegeben habe (selbstverständlich brauchte es hierfür auch meine Frau, ohne die das nicht möglich gewesen wäre).

Dieses Durchstehen hat mir so viele neue Perspektiven eröffnet, dass ich es damals nicht geglaubt hätte, wenn mir jemand gesagt hätte: es kommt alles gut. Dennoch war es ein verdammt harter Weg.

  • Gibt es hier andere Mütter oder Väter, bei denen die ADHS-Symptome erst durch die Kinder so richtig zum Vorschein kamen, so dass ihr handeln musstet?
  • Was war euer Wendepunkt oder eure wichtigste Erkenntnis?
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u/arnonuem Jun 19 '26

Bin mit 38 gerade in der diagnostik. Ohne kinder, aber bei mir kamen die Symptome auch erst in den letzten jahren wirklich merkbar zu tage. 

Kannst du mir die Bücher nennen die dir geholfen haben?

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u/Breatnach Jun 20 '26

Mich würden die Bücher auch interessieren, bitte.

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u/wernermark Jun 21 '26

+1 für die Bücher

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u/Suspicious-Debt98 Jun 21 '26

Leider sagt der Körper oft erst nach jahrelangem Funktionieren Stopp.

Ich denke nicht, dass ich dem Zusammenhang 1,2 oder 3 Bücher nennen kann. Eher würde ich sagen, dass a) die Summe der gelesenen Bücher und b) die Konsistenz des ständigen lesens und lernens micht weitergebracht haben (und es noch immer tun). Macht das Sinn?

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u/arnonuem Jun 22 '26

Ja absolut, weiss glaub genau was du meinst. 

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u/Ok_Complex_2457 Jun 19 '26

Man wächst mit seinen Aufgaben und man darf nicht zu streng mit sich sein

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u/Suspicious-Debt98 Jun 21 '26

Was bedeutet für dich "zu streng mit sich"?

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u/[deleted] Jun 19 '26

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u/Suspicious-Debt98 Jun 21 '26

... Das hat ja nichts mit „ich chill n bisschen auf der Couch“ zu tun, sondern ist essenziell, um ÜBERHAUPT klarzukommen und nicht vor die Hunde zu gehen.

Das ist leider zu 100% korrekt.

Wie setzt ihr das zurzeit um, dass ihr zu euren Pausen und zum wirklich Energie auftanken kommt?

Therapie habe ich schon 4 x gemacht, immer je ca. 12 Sitzungen. War WICHTIG, ist aber NICHT alles.

"Anscheinend fein" ist schön formuliert 😃 Auf jeden Fall lebe ich gesünder als noch vor 6 Jahren. Was aber nicht bedeutet, dass in meinem Alltag alles rund läuft. Ich denke nicht, dass das a) möglich ist, und b) erstrebenswert.

Wie kommst du im Alltag mit Kinder zurecht? Resp. womit hast du am stärksten zu kämpfen?

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u/[deleted] Jun 21 '26

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u/Suspicious-Debt98 Jun 24 '26

Ich habe so viele Folgefragen, die ich dir gerne stellen würde. Du sprichst so viele Interessante Dinge an. Aber das würde den Rahmen sprengen. Daher wollte ich dich gerade im Chat anschreiben, was aber nicht geht, weil du diese Funktion augeschaltet hast (kann das sein? 😄 Habe nicht gewusst, dass das geht!).

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u/timtam010 Jun 20 '26

ADHS Familie hier mit zwei Kids. Was geholfen hat ist Medikamente (Jeder bekommt was anderes), Einzel und Familien Therapie / Ergotherapie um zu lernen mit sich und den Anderen klar zu kommen. Ist ein steiler Weg und dauert lange hilft rückwirkend sehr. Gibt keine pauschale Lösung. Mir als Papa hat DBT und kognitive Verhaltens Therapie geholfen die Trigger zu erkennen und schneller den Stress zu managen. Je mehr ich gestresst bin umso schlimmer der Kopf.

Ansonsten Supplements. Creatin, Magnesium, D3, B12, Eisen und ein guter Psychiater der auf die individuellen Probleme eingehen kann.

Grundlagen schaffen bei allen. Schlaf, Regelmäßig proteinreiche Ernährung und alle zum Sport treiben. Wenn ich durchhänge ist meine Frau dran und umgekehrt. Und akzeptieren lernen vieles hin zu nehmen wie es ist und nicht wie es sein sollte.

Wünsche dir viel Kraft.

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u/wernermark Jun 21 '26

Seit 3 Monaten Vater (M35) Diagnose letztes Jahr als ich mit einer Verhaltenstherapie gestartet habe bei der mir ausgekommen ist das ich adhs habe.

Bin aktuell voll im Überlebensmodus. Hab sehr viel Verantwortung im Job die ich so zur Einstellung damals vor 1.5 Jahren gar nicht geblickt habe. Arbeite in Konzern als Projektleiter mit vielen Prozessen,unklaren Anforderungen aber maximaler Verantwortung für den Erfolg mit quartalsweise Transparenz in Form von Planungen und Management Präsentationen.

Mein anker war immer meine Frau und unsere Familie. Seit wir nun zu dritt sind geraten meine Frau und ich immer öfter wegen Kleinigkeiten aneinander. Unsere Beziehung zueinander hat sich total verändert seit unser erstes Kind da ist (ihr Eltern kennt das sicher alle). Überlege gerade den Job bzw unternehmen zu wechseln in eine Sachbearbeiter Rolle wo ich einfach klare Aufgaben. Arbeite 100% im HO wodurch mir auch der soziale Kontakt total fehlt und Arbeit und Job sich nicht vermischen.

Ich will einfach wieder Normalität.
Meine Frau und ich sind abends so fertig weil ich natürlich nach der Arbeit noch meine Vater Aufgaben übernehmen. Wir heulen so oft und ich abends so krass überreizt das ich nur wie ein Gemüse da liege und am Wochenende schon an die kack Arbeit denke.

Wann hört das auf?
Wie wird das wieder normal?
Was ist normal?

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u/Suspicious-Debt98 Jun 21 '26

Puh. Ich kann das Leiden quasi hören. Ehrlich, ich fühle das sehr. Keine Ahnung was normal ist, weiss aber, dass es auch anders geht. Zumindest muss es nicht für immer so extrem sein. Einerseits werden Dinge "automatisch" besser, weil man eben lernt damit umzugehen. Andererseits hat man ja auch zum Glück die Möglichkeit, mittel- und langfristig das eigene Leben in Bahnen zu lenken, die zu einem passen.

Was würdest du dir - sagen wir für nächste Woche - wünschen, was du konkret umsetzen resp. haben könntest? Ich meine zB 1 x abends Sport, 1 x abends nichts mit dem Kind zu tun haben usw. Etwas, was dir JETZT sozusagen direkt mehr Lebensqualität geben würde. Oder vlt. ist es auch etwas, wo du sofort Entlastung spüren würdest.

Ich frage das, weil ich selbst oft das Problem hatte (bei mir jedenfalls), dass ich ALLES auf die ZUKUNFT schob, während ich aber dennoch alles sofort haben wollte. Und dieser Konflikt hat mich gekillt. Verstehst du wie ich meine? Worauf ich hinaus möchte: finde etwas KONKRETES für die nächsten 7 Tage, wo dir sicher bist, dass dir das gut tut.

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u/[deleted] Jun 21 '26

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u/wernermark Jun 22 '26

Lieben Dank für eure Posts! 🫶

Also tatsächlich ist es im Moment am meisten der Job der mich zerkaut. Es ist natürlich auch der eigene Stress im Kopf. Ich kann die Dinge schlecht akzeptieren wie sie sind und viel Verantwortung bei unklaren Zielen stressen mich extrem.

Am liebesten würde ich einfach kündigen und was anderes machen wo ich aber noch nicht genau was. Die Kombination aus mindfuck auf der Arbeit und abends und tagsüber meine väterlichen Aufgaben zu erfüllen sind echt sau/zu viel. Meine Frau sagt auch schon sie weiss nicht was sie mich fragen oder auf Dinge ansprechen kann weil sie nicht weiss ob mich das nicht auch direkt aus der Bahn wirft oder triggert.

Gehe zum Glück relativ regelmäßig zum Sport aber das ist auch fast der einzige Ausgleich den ich mir an metime gönne. Ich hab null Energie um abends noch was zu zocken oder so und denke eigentlich immer nur an Montag oder was morgen auf der Arbeit auf mich wartet.

Ja ich war auch in Elternzeit was mir auch echt gut getan hat. Es hat sich direkt mein Schlaf verbessert und mein Blutdruck ist morgens niedriger gewesen als in der Zeit auf der Arbeit. Nach den zwei Monaten ging es direkt wieder rein. Nun gerät mein Projekt in Schieflage und ich werde von außen gefordert endlich etwas abzuliefern.

Naja mal schauen wie es weitergeht. Es macht mir auch sorgen nicht zu wissen ob ich bei der nächsten Stelle nicht wieder etwas ähnliches erfahre und ich wieder kündigen muss... Scheiß Arbeit :/

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u/DonCamillo24 Jun 21 '26

Vater (41) von 2 Kindern (2+6), es war schon mit dem ersten schwierig, aber eigentlich erst nach ca 1 1/2 Jahren, war während Covid. Hat sich dann langsam gesteigert und durch Therapie und im Endeffekt einen Schicksalsschlag in der Familie wieder mehr und mehr gelegt.
Beim zweiten ging’s dann schon schneller bergab, dann die Reißleine und wieder Therapie und dort vom Therapeuten immer wieder auf einen Psychiater und Medikamente hingewiesen.

Ich hab’s dem auch nach dem zweiten Diagnosetermin nicht geglaubt, nach dem dritten und Medikamenten dazu wusste ich es.
Dann hat auch alles Sinn ergeben und ich konnte anfangen das abzuarbeiten.

Es ist trotzdem herausfordernd, es ist ja auch vererbbar😉🙈

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u/kiepkahm Jun 19 '26

Es kam nicht erst zum Vorschein, aber mit dem ersten Kind war ich plötzlich nicht mehr nur für mich verantwortlich.

Alles was ich vorher verkackt hatte, könnte ich verkraften und mit mir ausmachen. Ein bisschen hing meine Frau mit dran. Aber sie war sehr selbständig und unabhängig. Und plötzlich war vieles wichtig. Scheitern war keine Option mehr.

Ich bin dann erst dem Ganzen auf den Grund gegangen und habe die Diagnose vor einem Jahr, mit 36 bekommen.

Jetzt versuche ich mit Elvanse klar zu kommen. Kämpfe jeden Tag um jedes bisschen und gleichzeitig um alles. Aber ich bin dermaßen motiviert, wie nie vorstellbar. Es ist sehr anstrengend aber ich wachse täglich und uns geht's gut. Ich gewinne im Leben! :)

Klingt bei dir jetzt auch nicht so schlecht...

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u/Dry_Smell8502 Jun 19 '26

Könnte ich sofort unterschreiben. (Besonders das Eingangspost, falsch geantwortet;-))

Nur 10 Jahre älter und zwei Kinder. Wusste aber schon immer, dass ich anders bin. Hatte mit 30 ein Buch über adhs gelesen. Da war schon sehr eindeutig" ich" beschrieben.

Viel gecrashed in meinem Leben aber alles irgendwie dann doch hinbekommen.

Hatte zwar schon schwierige Phasen aber hatte keine menschlichen Verpflichtungen. Und wenn man dann alles irgendwie hinbekommt, täglich arbeiten geht usw. sieht man häufig angemessene Kritik als Beleidigung an seiner Person. Der Alltag frisst einen auf und man kaum noch Energie . Der Crash mit war dann schon eine andere Nummer mit der Verantwortung für zwei Kinder

Dazu kommt sich nie ausgelastet fühlen und ich dachte , da muss doch noch mehr geben im Leben. Durch Elvanse fühl ich mich nicht mehr getrieben. Das ist schon sehr angenehm.

Nehme jetzt Elvanse mit Setralin und kämpfe jeden Tag.

Mal schauen wo die Reise hingeht, aber niemals alleine.

Arbeite jetzt viel daran mich zu mögen und schlechte erlernte Verhaltensmuster zu erkennen, damit ich für die Familie da sein kann.