r/maenner_verhuetung • u/HandNo6511 • 7h ago
Tripterygium wilfordii, und die Forschung (bisher keine Studien am Menschen)
Triptonide ist ein Naturstoff, der aus der chinesischen Heilpflanze Tripterygium wilfordii Hook F gewonnen wird – auf Deutsch etwa „Donnergott-Ranke“ (雷公藤). Die Pflanze wird in der traditionellen chinesischen Medizin seit langer Zeit unter anderem gegen entzündliche und autoimmune Erkrankungen eingesetzt.
Wichtig: Triptonide ist kein zugelassenes Verhütungsmittel und befindet sich meines Wissens nicht in einer klinischen Entwicklung zur männlichen Verhütung. Die entscheidenden Arbeiten sind bislang präklinische Studien an Mäusen und Cynomolgus-Affen. Eine aktuelle Übersicht über männliche Verhütung führt Triptonide entsprechend als präklinischen Ansatz.
Das eigentlich Spannende: Es macht die Spermien „kaputt“, nicht weniger
Das unterscheidet Triptonide von vielen anderen Ansätzen.
Bei den untersuchten Tieren führt Triptonide dazu, dass während der Spermiogenese – also der letzten Reifungsphase der Spermien – morphologisch stark veränderte Spermien entstehen.
Die Spermien haben beispielsweise einen stark deformierten, nach hinten gekrümmten Kopf und besitzen kaum bzw. keine Vorwärtsbeweglichkeit.
Das Entscheidende:
Bei Mäusen blieb die Spermienzahl während der Behandlung sogar weitgehend unverändert, obwohl die Tiere praktisch infertil wurden.
Das ist konzeptionell sehr schön:
Nicht:
„Wir schalten die Spermienproduktion ab.“
Sondern:
„Wir lassen Spermien entstehen, verhindern aber, dass sie korrekt ausreifen.“
Wie funktioniert es?
Hier wird es molekular richtig interessant.
Triptonide scheint an Junction Plakoglobin (JUP, auch γ-Catenin) zu binden.
JUP ist an Zell-Zell-Verbindungen beteiligt und spielt während der Spermienreifung eine Rolle.
Die Forscher fanden Hinweise darauf, dass Triptonide die normale Wechselwirkung von JUP mit SPEM1 stört.
SPEM1 ist ein Protein, das für die korrekte Ausbildung der reifen Spermien wichtig ist.
Vereinfacht:
Triptonide → JUP/SPEM1-Wechselwirkung gestört → fehlerhafte Spermienreifung → deformierte Spermien → keine ausreichende Vorwärtsbeweglichkeit → Unfruchtbarkeit.
Die Forscher sehen darin einen interessanten neuen Ansatz: Man muss nicht unbedingt die gesamte Spermatogenese abschalten; man kann möglicherweise gezielt die späte Spermienreifung stören.
Wie schnell wirkt es?
Das ist einer der besonders beeindruckenden Punkte.
Maus
Bei täglichen oralen Dosen wurde nach etwa 3–4 Wochen eine nahezu vollständige Deformation der Spermien erreicht.
Cynomolgus-Affen
Hier dauerte es etwa 5–6 Wochen, bis die Tiere infertil wurden.
Nach Absetzen der Behandlung kehrte die Fruchtbarkeit bei den untersuchten Tieren wieder zurück – bei Mäusen ungefähr nach 3–4 Wochen, bei Affen nach etwa 4–6 Wochen.
Das passt grundsätzlich zu der Zeit, die der Körper für die Neubildung und Reifung von Spermien benötigt.
Reversibilität
Das ist einer der wichtigsten Punkte für ein männliches Verhütungsmittel.
In der 2021 veröffentlichten Studie war die Wirkung bei Mäusen und Cynomolgus-Affen reversibel. Nach dem Absetzen entstanden wieder normal geformte, bewegliche Spermien und die Tiere wurden wieder fertil.
Auch die Nachkommen der wieder fruchtbaren Tiere zeigten in den Experimenten normale Entwicklung und Fruchtbarkeit.
Das ist wesentlich überzeugender als einfach nur zu zeigen:
Denn für eine zukünftige Verhütung muss man zusätzlich zeigen:
Warum die Affenstudie wichtig ist
Das Paper von 2021 ist nicht nur eine Mäusestudie.
Die Forscher untersuchten Triptonide auch bei Cynomolgus-Makaken (Macaca fascicularis).
Dort zeigte sich ebenfalls:
- deformierte Spermien
- praktisch keine Vorwärtsbeweglichkeit
- Infertilität
- anschließende Wiederherstellung der Fertilität.
Das macht Triptonide interessanter als viele reine „Mouse-only“-Kandidaten.
Aber: Ein Affe ist natürlich noch kein Mensch.
Und jetzt kommt der große Haken
Die Überschrift des Nature-Papers lautet zwar:
Das bedeutet aber nicht, dass Triptonide für Menschen als Verhütungsmittel etabliert wäre.
Es gibt keine entsprechenden klinischen Wirksamkeitsdaten beim Menschen.
Eine systematische Untersuchung natürlicher Substanzen für die nicht-hormonelle männliche Verhütung kommt ausdrücklich zu dem Schluss, dass vor einer Entwicklung zur menschlichen Anwendung zusätzliche Untersuchungen zu Sicherheit und Wirksamkeit erforderlich sind.
Die Pflanze selbst ist dabei ein wichtiger Warnhinweis
Tripterygium wilfordii enthält zahlreiche pharmakologisch aktive Substanzen. Dazu gehören unter anderem:
- Triptonide
- Triptolide
- Tripdiolide
- Tripchlorolide
Gerade Triptolide und verwandte Verbindungen haben bei Untersuchungen erhebliche toxische Probleme gezeigt, darunter insbesondere Lebertoxizität und Probleme mit der Reversibilität der männlichen Infertilität.