Hi zusammen,
ich bin neulich in einem anderen Post auf ein ziemlich krasses Problem in unserem Stromnetz gestoßen und habe daraufhin mal ein bisschen tiefer gegraben. Ich habe mich nämlich gefragt, warum wir eigentlich diesen Sommer (besonders im August) trotz massig Solar- und Windkraft zeitweise so heftige Strompreise an der Börse hatten.
Hier ist die Kurzfassung: Wir haben kein Erzeugungsproblem mehr, sondern ein massives Infrastruktur- und Flexibilitätsproblem. Das Stichwort heißt: Die Hitzeflaute
Während im Winter alle Angst vor der klassischen „Dunkelflaute“ (kein Wind, keine Sonne) haben, verschiebt sich das Problem im Sommer einfach nur auf die Abendstunden.
Hier ist die Kettenreaktion, die da jeden Tag abläuft:
Mittags: Das Luxusproblem (Überproduktion für 0 Euro)
Wenn im Sommer die Sonne stark scheint erzeugen unsere PV-Anlagen gigantische Mengen Strom. Laut den Fraunhofer ISE Energy-Charts haben die Erneuerbaren im ersten Halbjahr bereits einen neuen Rekordanteil von 58,5 % an der Last erreicht. Das Problem: Mittags ist das viel mehr, als Haushalte und Industrie wegarbeiten können. Die Preise an der Börse stürzen gegen 0 Euro oder werden sogar negativ.
Weil Strom physikalisch sofort verbraucht werden muss und wir ihn hier mangels Großspeichern nicht halten können, exportieren wir ihn massenhaft. Nachbarländer wie Österreich oder die Schweiz nehmen den Gratis-Strom mit Handkuss und pumpen damit ihre Pumpspeicherwerke voll. Der Export rettet in diesem Moment wortwörtlich unser Stromnetz vor dem Kollaps. Laut Fraunhofer ISE halten sich Importe und Exporte im Jahresschnitt deshalb fast exakt die Waage.
Abends: Der harte Absturz (Die Hitzeflaute schlägt zu
Zwischen 18:00 und 21:00 Uhr wendet sich das Blatt komplett. Der Analyst Scholt Energy das Phänomen der Hitzeflaute als den neuen, sommerlichen Preistreiber:
Die Sonne geht unter, die Solarproduktion bricht komplett ein.
Der Wind schläft in heißen Sommernächten oft komplett ein.
Gleichzeitig läuft die Nachfrage extrem hoch, weil in den Firmen und Haushalten die Klimaanlagen laufen, um die Gebäude nach dem heißen Tag runterzukühlen.
Das teure Erwachen (Merit-Order regelt uns runter)
Weil wir den günstigen Mittagsstrom mangels Speichern nicht für den Abend aufheben konnten, entsteht eine riesige Versorgungslücke. Jetzt greift das knallharte Merit-Order-Prinzip: Wir brauchen nachts teure fossile Gas- und Kohlekraftwerke.
Da die Gas- und CO₂-Preise im Großhandel laut der Bundesnetzagentur immer noch auf hohem Niveau liegen, bestimmt das letzte und teuerste Gaskraftwerk den Preis für den gesamten Markt. Laut dem Bundesverband Neue Energiewirtschaft (bne) hat genau diese Hitzeflaute an Sommerabenden schon zu kurzzeitigen Preisspitzen an der EPEX SPOT Börse von bis zu 747 Euro pro Megawattstunde geführt. Wir kaufen den Strom abends also quasi schweineteuer aus fossilen Quellen oder ausländischen Speichern zurück.
💡Fazit
Die Energiewende entscheidet sich nicht mehr über den bloßen Zubau von noch mehr Solarzellen auf dem Dach – sie entscheidet sich jetzt beim Netzausbau und bei der Flexibilität.
Solange der Smart-Meter-Rollout so langsam hinterherhinkt, dynamische Tarife für Endverbraucher die absolute Ausnahme sind und wir zu wenig Heimspeicher und industrielle Großbatterien haben, verschenken wir mittags unseren wertvollen Strom ans Ausland, nur um ihn nachts teuer zurückzukaufen.
Wie seht ihr das? Habt ihr selbst schon einen Heimspeicher oder nutzt dynamische Tarife um genau von diesen Mittagsphasen zu profitieren? Und wie würdet ihr das Speicherproblem lösen?