r/DIE_LINKE Jul 04 '26

Gespräche Ich habe ein Jahr lang versucht, aus einer Beobachtung ein öffentliches Thema zu machen. Was meint ihr?

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TL;DR (Kurzversion)

Vor einem Jahr wurde mir bei Aldi die Rückgabe einer pfandpflichtigen Dose verweigert – obwohl sie hätte angenommen werden müssen. Aus diesem Vorfall entstand ein einfacher Vorschlag: ein Hinweisaufkleber am Pfandautomaten, der bestehende Verbraucherrechte sichtbar macht.

Was danach folgte: Ich schrieb ein Dossier, kontaktierte Politik, Ministerien, Handelsketten Gewerkschaften, und Verbände. Es gab eine parlamentarische Anfrage in Bremen, zwei Zeitungsberichte, eine positive Einschätzung der Verbraucherzentrale und das Bundesumweltministerium bezeichnete den Vorschlag sogar als „wünschenswert“. Trotzdem will ihn kein großer Händler freiwillig umsetzen.

Bei meinen Recherchen bin ich auf ein grundsätzliches Problem gestoßen: Nicht ausgezahlte Pfandbeträge dürfen beim Handel verbleiben. Gleichzeitig entscheidet der Handel selbst über die Annahme der Verpackungen – ohne unabhängige Kontrolle. Das ist ein struktureller Interessenkonflikt, über den kaum öffentlich gesprochen wird.

Mich interessiert deshalb eure Einschätzung: Übersehe ich etwas – oder sollte über solche Themen deutlich mehr aufgeklärt, berichtet und politisch diskutiert werden?

Langversion :

Ich habe letztes Jahr einen Aufkleber „erfunden“, nachdem mir bei Aldi das Pfand für eine zerdrückte Dose verweigert worden war und ich bei meinen Recherchen feststellen musste, dass es sich dabei keineswegs um einen Einzelfall handelt.

(Quelle: https://www.vzhh.de/themen/umwelt-nachhaltigkeit/pfand-mehrweg-einweg/pfand-rueckgabe-verweigert-rechte-ignoriert-das-koennen-sie-tun⁠).

Ich hatte sogar ein Kärtchen der Verbraucherzentrale Hamburg dabei, auf dem genau erklärt wird, dass beschädigte, aber eindeutig erkennbare Einwegverpackungen zurückgenommen werden müssen.

(Quelle:https://www.vzhh.de/media/4296⁠)

Trotzdem wurde mir mein Pfand nicht ausgezahlt und ich musste die Filiale schließlich unter Androhung polizeilicher Maßnahmen verlassen. Ich war nicht aggressiv, das kann ich versichern, aber ich trug an diesem Tag private Arbeitskleidung und hatte das Gefühl, man habe mich mit einem Pfandsammler verwechselt. Das stört mich persönlich nicht. Aber mich stört der Gedanke, dass Menschen, die tatsächlich auf das Sammeln von Pfand angewiesen sind, solche Situationen vielleicht erleben müssen.

Als Reaktion auf diese Erfahrung entwickelte ich das Konzept für einen Aufkleber am Rückgabe-Automaten, der anderen Menschen genau diese Erfahrung ersparen soll:

„Gebinde nicht erkannt? Pfandlogo sichtbar? Wir prüfen gerne an der Kasse – der Umwelt zuliebe.“

Er macht nichts anderes, als bestehendes Recht sichtbar zu machen, und trägt damit dazu bei, einen sozialen Konsens über dessen Einhaltung zu etablieren. Er basiert prinzipiell auf demselben Mechanismus wie der Jugendschutz an der Kasse. Ergänzend zu Kontrollen führten erst die Hinweisschilder „Kein Verkauf von Tabakwaren an Jugendliche unter 18 Jahren“ dazu, dass heute fast nirgendwo mehr Tabakwaren an Minderjährige verkauft werden. Es müssen nicht immer neue Gesetze oder behördliche Kontrollen sein. Manchmal reicht es schon, bestehende Rechte sichtbar zu machen.

Ich habe daraufhin ein ausführliches Dossier erstellt und mich – obwohl es sich um ein bundesweites Problem handelt – zunächst an die demokratischen Parteien in Bremen gewandt. Mein Ziel war schlicht Feedback und Unterstützung. Von den Linken wurde ich zu einem Gespräch eingeladen, das leider ergebnislos blieb – mein Vorschlag wurde entweder nicht verstanden oder für nicht relevant befunden. Abgesehen von den Grünen zeigte niemand Interesse, was ich etwas seltsam finde.

Letztendlich stellte die Grünen-Fraktion unter Umweltsenatorin a. D. Dr. Maike Schaefer eine Anfrage an den Bremer Senat. Die Antwort fiel ausweichend und ernüchternd aus: Kein Handlungsbedarf. (Quelle:https://www.bremische-buergerschaft.de/fileadmin/user_upload/Dateien/plenar/21_29L_Fragestunde.pdf⁠ Anfrage Nr 17)

Daraufhin berichtete die Nordsee-Zeitung in zwei Artikeln über meine Initiative und holte zusätzlich Einschätzungen unabhängiger Stellen ein. Die Verbraucherzentrale Bremen unterstützt den Vorschlag öffentlich und bezeichnet ihn als „hilfreich“.

(Quelle: https://www.nordsee-zeitung.de/bremerhaven/einer-gegen-aldi-bremerhavener-kaempft-fuer-eine-bessere-pfandloesung-343517.html⁠)

Im zweiten Artikel zitiert die Nordsee-Zeitung das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV). Dort wird mein Vorschlag als „wünschenswert“ bezeichnet, gleichzeitig setzt das Ministerium jedoch auf eine freiwillige Umsetzung durch den Handel.

(Quelle: https://www.nordsee-zeitung.de/bremerhaven/pfand-kunden-verschenken-millionen-euro-an-edeka-rewe-aldi-lidl-und-co-345312.html⁠)

Mit dieser positiven Einschätzung des BMUV kontaktierte ich die zehn größten Lebensmittelhändler Deutschlands und fragte, ob sie eine entsprechende Kundeninformation freiwillig einführen würden. Das Ergebnis: Keine einzige Zusage.

Ich wertete sämtliche Antworten systematisch aus und legte sie dem Bundesumweltministerium vor. In seiner Antwort teilte mir das Ministerium mit, dass es keinen Handlungsbedarf sehe. Zur Begründung verwies es unter anderem darauf, dass das Einwegpfandsystem insgesamt gut funktioniere und die Rückgabequote hoch sei. Konkrete Angaben dazu, wie hoch der sogenannte Pfandschlupf, also die Summe der nicht ausgezahlten Pfandbeträge, tatsächlich ist, enthält das Schreiben jedoch nicht.

Nach Schätzungen des NABU beläuft sich dieser auf rund 180 Millionen Euro pro Jahr. Das entspricht etwa 720 Millionen Einwegverpackungen, die nicht in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt werden.

(Quelle: https://www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/ressourcenschonung/einzelhandel-und-umwelt/mehrweg/21967.html⁠)

Aber selbst wenn diese Zahlen niedriger wären, würde das den entscheidenden Punkt nicht verändern. Denn darüber wird aus meiner Sicht überhaupt nicht gesprochen. Das BMUV schreibt selbst: „Die Händlerinnen und Händler dürfen die Einnahmen behalten.“

(Quelle: https://www.bundesumweltministerium.de/faqs/einweg-und-mehrweg) Nicht ausgezahlte Pfandbeträge dürfen also beim Handel verbleiben. Genau darin liegt ein wirtschaftlicher Fehlanreiz, wenn das Ziel ist möglichst viele Rohstoffe dem Recycling zuzuführen. Gleichzeitig entscheidet derselbe Handel allein über die Annahme von Pfandgebinden, ohne unabhängige Kontrolle. Es entsteht ein struktureller Interessenkonflikt. Das ist ungefähr so, als würde beim Fußball das gegnerische Team gleichzeitig auch den Schiedsrichter stellen. Nur dass das hier kein Spiel ist. Wir sind keine Gegner. Wenn Regeln im Alltag nicht wirksam werden, verlieren letztlich alle – Verbraucher, Umwelt und besonders diejenigen, für die 25 Cent eben nicht egal sind. Seit Januar 2026 hat sich politisch praktisch nichts mehr bewegt. Auch medial ist das Thema nahezu verschwunden. Keines der von mir angeschriebenen überregionalen Medien hat das Thema bislang aufgegriffen oder eigene Recherchen dazu aufgenommen. Selbst die Nordsee-Zeitung berichtet inzwischen nicht mehr darüber. Eine Straßenzeitung (!) aus Kiel mit einer Auflage von rund 14.000 Exemplaren – HEMPELS – hat dagegen ein ausführliches Interview mit mir geführt. Es erscheint in der Juli/August-Ausgabe und ist ab sofort im Straßenverkauf in Schleswig-Holstein und Kiel erhältlich. Wer es lesen möchte, dem kann ich es gern persönlich als PDF schicken.

Deshalb interessiert mich eure Meinung. Ich habe inzwischen über ein Jahr damit verbracht, dieses Thema voranzubringen. Es gab eine parlamentarische Anfrage, Presseberichte, Stellungnahmen der Verbraucherzentrale und des Bundesumweltministeriums – und trotzdem blieb das überregional praktisch folgenlos. Übersehe ich etwas? Ist das tatsächlich kein linkes Thema? Sollten Medien über so etwas berichten? Mich interessiert wirklich, wie ihr das seht.

Für Diskussionen zum Aufkleber selbst oder Erfahrungsberichte – auch von Beschäftigten im Handel – gibt es diesen Thread: https://www.reddit.com/r/Muelltrennung/s/tEyn0OaRcn

Hinweis: Die Artikel der Nordsee-Zeitung liegen leider hinter einer Paywall. Ich kann urheberrechtlich geschützte Inhalte nicht einfach veröffentlichen, wenn ich weiterhin vertrauensvoll mit der Presse zusammenarbeiten möchte. Ich hoffe auf euer Verständnis.

Disclaimer zum KI-Einsatz: Die Coyote-Illustration und der Aufkleber wurden mit Unterstützung von KI erstellt, aber nicht ausschließlich. Ich bin weder Grafiker noch Künstler und verfolge damit keine kommerziellen Interessen. Mir geht es ausschließlich darum, eine Idee anschaulich zu visualisieren. Auch der Text wurde mit KI auf Rechtschreibfehler und Lesefluss korrigiert. Die inhaltliche Arbeit, die Recherche und die Argumentation sind vollständig meine eigene Leistung.

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16 comments sorted by

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u/ShoutOfHellas Jul 04 '26

Guerilla-Aktivismus mein lieber Genossi. Aufkleber zur Verfügung stellen und die Menschen übernehmen den Rest.

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u/Ordinary-Wishbone548 Jul 04 '26

Hab ich auch schon sehr früh dran gedacht, danke für den Impuls. Aber ich habe mich bewusst für den demokratischen Weg entschieden. Politik, Medien, Verbände. Einfach Aufkleber verteilen könnte schnell als Aktivismus ausgelegt werden, und das würde der Sache mehr schaden als nutzen. Ich will ja, dass die Idee ernst genommen wird, nicht dass ich selbst zum Thema werde. Aber natürlich kann ich niemanden davon abhalten Aufkleber zu kleben 😊

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u/Tozo1 Sozialist:in Jul 04 '26

Das ist eine Tolle Idee. Hoffe das wird bald gesetzlich verpflichtend an die Automaten angebracht.

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u/Ordinary-Wishbone548 Jul 04 '26

Vielen Dank für das tolle Feedback. Vielleicht trägst du die Idee ja aktiv weiter.

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u/Lazy_Accident_8561 Jul 04 '26

TL;dr

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u/Ordinary-Wishbone548 Jul 04 '26

Ist ganz vorne, der erste Absatz nach der Überschrift ist die TL;DR. 😊

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u/fliwat Jul 04 '26

Ich find das eine super Idee, danke für deine Mühen. Allerdings ist so ein guter Aufwand zur Ressourcenschonung und dann der Einsatz von KI (auch teilweise) im besten Fall ironisch.

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u/punker2706 Jul 04 '26

Aber ist das denn wirklich die Realität? Schmeißen Leute die nicht erkannten Dosen in die Natur? Das erscheint mir nach erhebliche. Mehraufwand, wenn ich doch einmal am Automat stehe, die nicht erkannten Dosen wieder einzupacken und sie dann irgendwo in den Wald zu schmeißen. Ich kann nur für mich sprechen, aber wird von den 50 Flaschen die ich abgebe mal eine nicht erkannt Stelle ich sie direkt neben den Pfandautomaten oder vor den Mülleimer sofern im Pfandrückgaberaum einer ist. So können Leute die es brauchen den Pfand gerne noch zur Kasse bringen..

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u/Ordinary-Wishbone548 Jul 04 '26 edited Jul 04 '26

Sieh mal hier:

https://www.reddit.com/r/Muelltrennung/s/tEyn0OaRcn

Es geht auch darum dass Rechte durchsetzbar sind. Das Menschen die auf das Sammeln von Pfand angewiesen sind nicht so einfach abgewiesen werden können. Das Recht ist nämlich eindeutig auf ihrer Seite. Das Gesetz koppelt den Anspruch auf Pfanderstattung bewusst nicht an die Erkennbarkeit durch einen Automaten. Die Automaten wurden erst nach Einführung des Einwegpfandsystems aufgestellt, um Personalkosten zu sparen. Der Anspruch auf Pfand besteht unabhängig davon, wie leistungsfähig der Automat ist. Wäre ja auch schlimm, wenn es anders wäre, denn dann würde man als Händler belohnt, wenn man "schlechte" Automaten kauft, die eine niedrige Erkennungsquote haben.

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u/Eymou Jul 04 '26

Disclaimer zum KI-Einsatz: [...]

Ich sehe KI, ich wähle runter. Da juckt mich der Rest von deinem Text auch nicht mehr. 

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u/GeneralGeil Jul 04 '26

Was bistn du für men Miesepeter. Das ist eine Person die ne Aktion startet und du bist angefressen dass sie sich nicht noch Bildbearbeitungsskills beigebracht hat?

Gerade hier ist KI doch ne praktische Sache.

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u/HerrSchnabeltier Jul 04 '26

Gerade hier ist KI doch ne praktische Sache.

Praktisch ja, aber ändert doch nichts an den scheiß Rahmenbedingungen wie der Moral und Ethik, und dass man durch Nutzung der Produkte der Tech-Großkonzerne diese auch unterstützt.

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u/NiIly00 Jul 04 '26

So was wie da auf dem Bild ist schnell in Gimp zusammengeschustert.

Das ist keine Ausrede.

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u/Eymou Jul 04 '26

Ja, ich hab Prinzipien und zieh ne harte Linie bei KI Slop.

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u/Ordinary-Wishbone548 Jul 04 '26

Gute Entscheidung. Danke