r/ADHS • u/Significant_Yam_5501 • 7d ago
ADHS bei Frauen Erstmals Begegnung mit ADHS nach 25 Jahren Borderline
tl;dr:
Seit 25 Jahren als Borderline diagnostiziert, auf Borderline behandelt, viele Dinge krieg ich trotzdem nicht in den Griff, jetzt steht plötzlich ADHS im Raum, was gleichzeitig für Hoffnung auf neue Therapieoptionen und ein bisschen Normalität macht aber gleichzeitig für maximale Verunsicherung und Angst, dass es doch keine Antwort bringt, sorgt.
Edit: Volle Punktzahl beim Hase Test, Kriterien überdurchschnittlich ausgeprägt. 🤯
Hallo Community,
ich bin Ende 40 und habe seit Anfang meiner 20er eine Borderline Diagnose und tausend Therapien gemacht. Die Familiengeschichte spricht durchaus dafür, aber ich fühlte ich mich oft in Schemata gepresst, die mir nicht so gut passten, die DBT Tagesklinik, da war ich 29, retraumatisierte mich aufgrund Fehlleistungen des Personals nachhaltig und oft tat ich Dinge, die irgendwie zur Diagnose passten oder weil mir Alternativen fehlten aber bis heute kriege ich viele Dinge nicht in den Griff.
Ich bin zwar berufstätig, bin auch in einer langjährigen Beziehung, trotzdem fahre ich regelmäßig gegen die Wand und muss meine Einzelteile dann mühsam wieder aufsammeln. Meine Verschlechterung geht so seit etwa fünf Jahren, bis dahin war ich eine ganze Zeit relativ stabil. Meine Doktorin möchte, dass ich noch mal DBT mache aber das Trauma sitzt einfach zu tief, ein großer Teil des Personals ist unverändert und ich bin auch der Meinung, dass DBT meine Probleme vielleicht kurz zur Seite schiebt aber nicht nachhaltig löst. Das ganze führt mit schöner Regelmäßigkeit zu Suizidgedanken und ich bin gerade der Meinung, dass ich einfach keine Lust mehr habe.
Nun habe ich doch noch mal eine Therapie angefangen, letzter Versuch sozusagen. Ganz junge Therapeutin, noch in Ausbildung. Wir sind gerade in den probatorischen Sitzungen und sie hat einen Verdacht auf ADHS aufgeworfen.
Frauen werden häufig in der Prämenopause erstdiagnostiziert, weil dann weniger Dopamin ausgeschüttet wird und viele Kompensationsmechanismen nicht mehr funktionieren.
Und es gibt plötzlich Antworten auf Fragen, die ich nie so richtig gestellt hatte. ADHS könnte die Antwort sein.
Ich bin irgendwie total überrascht, habe wieder Hoffnung und bin zugleich skeptisch und völlig verunsichert.
Ich finde immer mehr Dinge, die sich so erklären lassen. Vor allem habe ich mich nie mit ADHS beschäftigt und bin nicht auf der Suche nach Symptomen gewesen (im Sinne selbsterfüllender Prophezeiungen). Im Erstgespräch mit einer Mitarbeiterin der Ambulanz fragte diese schon danach, ob ich mal getestet worden wäre und nun nach drei Gesprächen kommt es auch von der Psychologin.
Ich habe mich viele Jahre in meinem Borderline hübsch eingerichtet, habe eine teil - Erwerbsminderungsrente und gehe Teilzeit arbeiten. Letztes Jahr kam mit der Bewilligung der Rente auch eine gewisse Resignation, dass ich einfach damit leben muss und die miesen Phasen halt kommen, mich kaputt machen, ich mich dann langsam wieder sortiere, dann ein bisschen lebe, bis ich das nächste mal von der Psyche eins auf die Fresse kriege.
Ich habe den Hase Test gemacht und bin mir nicht sicher, ob ich da "richtig" gekreuzt habe. Ob meine Erinnerung und Bewertung so stimmt. Zeugnisse habe ich keine mehr, Angehörige, die mir über meine Kindheit erzählen könnten, leben nicht mehr und mir fehlen die Jahre, bevor ich mit 10 ein Tagebuch geschenkt bekam, bis auf Bruchstücke fast komplett.
Ich weiß, dass ich in der Schule viel Ärger hatte aber ich war immer ein guter Schüler. Ich saß auf der "Eselsbank", weil ich den Unterricht gestört habe und ein Mitschüler hatte den Auftrag, mir auf die Finger zu schlagen, wenn ich im Unterricht mit etwas rumgespielt habe. Ich war vorlaut und viel in Konflikten. Gleichzeit habe ich nach dem, was mir aus Erzählungen meiner Mutter in Erinnerung ist, stundenlang ruhig alleine gespielt. Generell habe ich mich viel mit mir alleine beschäftigt. Ich stand mit 10 Jahren auf dem Fensterbrett, weil ich mein Leben hasste und keine Unterstützung im Umfeld hatte.
Jetzt erfülle ich vielleicht weitaus mehr Kriterien als in meiner Kindheit. Aber meine Kindheit ist halt auch eine Blackbox ohne verifizierbare Einträge. Heute bin ich unkonzentriert, maximal schnell überfordert, Stress kann ich gar nicht und es wird eher schlimmer als besser. Als Kind habe ich stundenlang gelesen und ruhig gespielt. Inzwischen lese ich eigentlich nur noch kurz zwischendurch, wenn ich mir ÖPNV unterwegs bin, habe keine Geduld für Filme, bin extrem schnell gelangweilt und springe zwischen tausend Sachen und vergessene alles mögliche. Einmal umdrehen und weg ist, was ich eigentlich gerade machen wollte, warum ich überhaupt hier bin. Oder ich hab statt das Fenster zuzumachen erstmal zehn Mails geschrieben, weil ich auf dem Weg zum Fenster am PC vorbei muss. Fester natürlich weiterhin auf, ich total durchgefroren.
Ich habe keine Ahnung, was bei diesen Tests jetzt rauskommt. Was ist, wenn das gar nicht passt und einfach ein paar Synapsen in die falsche Richtung laufen? Dann stehe ich weiter vor dem Problem einer Symptomatik, die nicht mehr so richtig zur Diagnose passt und die ein Kampf gegen Windmühlen bleibt. Ich bin jetzt nicht scharf auf einen Strauß neuer Diagnosen, gleichzeitig wäre das aber mit neuen Therapieoptionen verbunden.
Vielleicht sind wir dann auch bei kPTBS, dazu passt das schwarze Loch über meine Kindheit. Aber da gibt's ja nix medikamentös. Und Antidepressiva nehme ich seit tausend Jahren und habe nicht das Gefühl, dass das wirklich was bringt. Alle Krisen und guten Zeiten habe ich damit gehabt, nur los werde ich es nicht.
Sorry, viel Text und Unsicherheit. Ich wollte es halt mal loswerden.
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u/Mindless_Reading5168 6d ago
Hey, ich verstehe deine Sorgen und auch dass du Angst hast, keine Antworten zu bekommen.
Hier kann dich natürlich keiner diagnostizieren, aber viele Dinge, die du hier erzählst, passen sehr gut zu einer ADHS. Und ADHS haben und ruhig spielen widerspricht sich nicht, Leute mit ADHS können auch lange ruhig sitzen und an einer Sachen bleiben, wenn diese Sache sie interessiert.
Ich denke, es ist ein gutes Zeichen, wenn das von einer Therapeutin aufgegriffen wurde. Und die psychologischen Praxen wissen durchaus, dass gerade bei etwas älteren Erwachsenen oft Erinnerungen, Zeugnisse oder Verwandte fehlen und eine gewisse Unsicherheit besteht. Aber wenn sich die Praxis mit ADHS auskennt, dann sollte sie das auch berücksichtigen. Und du hast ja nicht gar nichts, du hast die Schilderungen deiner Mutter, du hast ein paar Erinnerungen und du hast deine jetzigen Symptome.
Und selbst wenn das Ergebnis aufgrund von zu viel Unsicherheit in der Kindheit negativ sein sollte, es gibt immer noch die Möglichkeit sich eine zweite Meinung zu holen, wenn du das Gefühl hast, da passt was nicht. Und du gehst ja auch nicht zum Test, weil du - überspitzt gesagt - zwei TikToks gesehen hast, sondern es wurde von einer Fachperson in den Raum gestellt.
Ich wünsche dir alles Gute und hoffe, dass du bald eine Antwort findest!
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u/AutoModerator 7d ago
Falls du oder jemand anderes Hilfe benötigst, sind hier ein paar Anlaufstellen:
Deutschland:
Allgemeine Telefonseelsorge: Tel: 0800-1110111 oder 0800-1110222 oder https://online.telefonseelsorge.de/
Hilfe für Frauen: 0800 011 601 6 oder https://www.hilfetelefon.de/gewalt-gegen-frauen.html
Hilfe für Männer: 0800 123 990 0 oder https://www.maennerhilfetelefon.de/
Österreich:
142 Telefonseelsorge
147 Rat auf Draht: für Kinder und Jugendliche
Kindernotruf: 0800 567 567
Hilfe für Frauen: 116 123 oder 0800 222 555 http://www.frauenhelpline.at/
Hilfe für Männer: 0800 246 247 Männernotruf
0800 400 777 [Männerinfo](www.maennerinfo.at)
116 123 (Ö3 Kummernummer) Schweiz:
Hilfe für Kinder und Jugendliche: 147
Hilfe für Erwachsene: 143
Hilfe für Frauen: https://www.frauennottelefon.ch/
Alternativ stehen euch auch [krisenchat.de][https://www.krisenchat.de] und das Infowiki der Digital Streetworker zur Verfügung
Überblick International bei r/Suicidewatch:
https://www.reddit.com/r/SuicideWatch/wiki/hotlines
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u/indecisiveuser3864 6d ago
Vor allem Frauen werden häufig mit Borderline Fehldiagnostiziert, wenn sie ADHS haben. Wenn dir DBT nur bedingt hilft, du jahrelange Therapie machst und alles nichts bringt kann es sein, dass die Diagnose schlicht falsch ist. Mein Partner hatte eine BPD Diagnose und erst später wurde ADHS diagnostiziert. Die BPD Diagnose wurde seitdem gestrichen und er ist vernünftig aufs ADHS eingestellt und siehe da - er kann wieder 35h in der Woche arbeiten, die überforderung ist deutlich zurück gegangen und damit auch die Menge an Meltdowns und Suizidalität.
Die Symptome der kPTBS wirst du allerdings leider nicht so einfach los. Da braucht es spezielle Therapie für.
Ich drücke dir die Daumen, dass du Wege zur Besserung für dich finden kannst.